3- von Kröslin nach Kolberg

Als in Peenemünde das große Gebäude der Raketenversuchsanlage und heutigen Museum in Sicht kam, auf dem ich beim Besuch vor Jahren zu meiner Frau Petra sagte: „Da werde ich vorbeisegeln“, muss ich an ihren Blick denken. Er hat so eine gewisse Zweideutigkeit innig, einmal „Na, rede du mal“ oder „Schei.., der zieht das wirklich durch“. Und damit empfängt mich Usedom, wo die Wurzeln meiner Familie liegen. Mit sehr ruppigen und rauen Wellen, aber dann im Peenestrom beruhigt sich die Aufregung und wird liebenswert. So wie der Menschschlag hier.
Da kam die Wollgastbrücke in einer ganz anderen Sichtweise auf mich zu, nämlich von unter und nicht wie gewohnt von der Straße aus. Dann die Werftanlagen mit jede Menge neuer Kriegsschiffe auf Halde. Die Schiffsnamen wurden mit Folien abgedeckt. Trotzdem erkannte ich arabische Schriftzeichen die sicher jetzt nicht mehr ausgeliefert werden können. Ein Bootsnachbar rief mir auf sächsisch rüber: „So was brauch kein Mensch“. Recht hat er.

Dann die Einfahrt in den Hafen von Lassan. Ein Abenteuer, und wie mir ein verdutzter Dauerlieger erzählte, ein Wagnis da zur Zeit 60 cm Wasserstand fehlen. Ich glaube, ich werde eine ruhige Nacht haben, da ich mit dem Kiel im Dreck stecke. Aber der überaus freundliche Hafenmeister Michael meinte nur, dass ich es schon schaffe wieder rauszukommen. Mit dem Hinweis: “Ist doch nur Schlamm keine Steine. Erst draußen kommen Pfähle unter Wasser von alten Heringszäunen“. Sehr beruhigend. Aber ich habe hier einen tollen Apfelkuchen bekommen. Unter einem von vielen AfD-Wahlplakaten war ein Hinweis auf einen Bio/Vegan/Esoterisch/Weltverbesserener Laden mit Café, der mich reizte. Ich war der einzige Gast in einem gemütlich eingerichteten Laden. Zwei überaus freundlich und bemühte Angestellte teilten sich meinen Auftrag nach Kaffee mit Kuchen. Der Kaffee ging so, aber der Apfelkuchen – ein Gedicht. Als mir die Verkäuferin das aufwändige Rezept verriet, fragte ich mich, von welchen Einkünften leben sie? Das kann nur Hobby sein.
Als ich zurück zum Boot ging, sah ich dann meinen ersten Seeadler, der in Richtung Usedomer Ufer kreiste.
Aber kalt ist es, sehr kalt. Hagelschauer, 7 Grad und kalter Wind, dies alles im Wechsel mit Sonnenschein. Ich bin nun sehr froh viel Geld für Segelkleidung ausgeben zu haben. Es lohnt sich nun.
So richtig traute ich mich nicht durch die engen Fahrwasser zu segeln. Es sind einfach zu wenige da, sagen wir mal ich bin über Stunden das einzige Boot weit und breit, um ein Risiko des Aufsetzten einzugehen. Also muss oft mein Außenbordmotor ran. Die Perspektive der Eisenbahnbrücke werde ich nicht vergessen. So oft sah ich sie schon von Land und auch einmal vom Flugzeug aus, aber direkt daran vorbei zu tuckern – Super.


Dann ins Kleine Haff. Endlose Weite, Segel hoch, aber irgendwann ist auch mal Schluss mit dümpeln. Der Segler kennt es, wenn kaum Wind und alte Dünnung (Wellen) noch vorhanden sind, ist es eine Schaukelei und ein nerviges Segelschlagen. Irgendwann habe ich die Hoffnung nach Wind aufgegebenen und dem AB die Macht übergeben. Dann kam auch noch die Selbststeueranlage zum Einsatz und es wurde langweilig für mich. Mir fiel einfach kein toller Name für sie ein. Kommt sicher noch. Aber ich sang Shantys aus voller Kehle. Wer sollte mich auch hören und den Möven schien es nicht zu stören. Und es kam Kamminke in Sicht und die Ängste der unsicheren Einfahrt in den Hafen. Der NV-Verlag hat auf seine Seekarten sehr oft Einschränkung eingetragen, die mich sehr verunsicherten. „neigt zur Versandung“ ect. Glücklicherweise sah ich am Horizont ein Fährboot kommen und drosselte meine Geschwindigkeit, um hinter ihm im in den Hafen einzulaufen. Geschafft – wieder einmal hatte ich den Papst in der Tasche. Ich sollte wohl besser Katholisch werden. War das ein schöner Abend. Gut gegessen und zwar eine Scholle mit Folienkartoffel und Salat an Bier und Köm. Herrlich! Ich musste zwar in der Nacht noch das Boot verlegen, wegen des aufziehenden Windes, aber dafür ging es morgens sehr zeitig los, denn Klo, Dusche, Wasser, Strom – ist nicht.

Den Track vom Vortag bin ich dann ganz genau zurückgefahren, Segel gesetzt und ab durch das Stettiner Haff. Tooles Segeln und Tonnensuchen. Auf der polnischen Seite war das alles völlig entspannt. Dann viel mir auf, dass ich ja Richtung Osten unterwegs bin und daher immer in die Sonne schauen muss. Da erkenne ich die Tonnen sehr schlecht. In Polen sind sie aber toll gepflegt. Ich kam in Wollin an und wurde sehr herzlich vom ansässigen Segelklub empfangen. Super moderner Anlage, neben maroden Häuser und einer Straße, die ihren Namen nicht werten ist. Aber am Eingang stand ein Schild: Gefördert durch EU Mittel. Ich verstehe die politische Lage in Polen noch nicht, und was sie gegen die Europäische Union haben, vielleicht erkenne ich sie ja noch.
Mal sehen. Ich war jedenfalls sehr preiswert einkaufen und habe den Regenschauer zum Kochen genutzt. Gemüse an Hühnchenbrust mit einem Tyskie verfeinert.

Entschuldigung ich habe habe das Bett nicht gemacht. 

Dann ging es früh los. Sonnenschein und sofort wurde meine Euphorie dadurch gebremst, dass die Brücke nicht öffnete. Ein Angler rief mir zu, erst um 10 Uhr und zeigte auf ein Schild am Ufer. Also Pause. Dann kommen zwei Brücken und drei Hochspannungsleitungen in einer Höhe von 12,4m. Man hatte ich schieß, dass es doch nicht passt und ich als Auto-Skooter ende. Aber gut gegangen. Segel hoch und los durch die einsame Boddenlandschaft und Tonnensuchen.
Ich wurde erstmal gebremst von einem Ruderer, der die Fahrrinne kreuzte. Wer hat nun Vorrang. Ich habe sie ihm gewährt, als ich den alten Mann sah, der anstatt Rimmen zwei Schneeschaufeln auf dem alten Kahn nutzte, um an das andere Ufer zu kommen. Trotzdem unterbrach er sein Rudern, um mir freundlich zuzuwinken. Es galt noch eine sehr enge Stelle mit Mindertiefe zu passieren, aber mit der Hilfe meines Plotters ging es perfekt. Was tue ich, wenn es das Ding nicht mehr macht? Den ganzen Tag habe ich kein anders Boot gesehen, außer dem Ruderer natürlich. Ist das eine herrliche Landschaft.
Die Brücke vor Dievenow wurde noch einmal zum Adrenalin Highlight. Ein kleines Schild mit einer Telefonnummer, aber eine andere, als die im Hafenhandbuch und ohne Landeskennzahl, das ganze mit schiebender Strömung zur Brücke hin. Klasse. Also Fluss wieder hoch und Internetrecherche, telefonieren und dann sagte der Brückenwärter: 14 Uhr. Alles Gut, Zeit um den Adrenalinspiegel wieder zu senken. Da kam auch schon der Hafen und endlich einmal die Beine vertreten. Da war sie wieder, das sächsische Ehepaar mit Hund. Und schwärmten von den schwedischen Schären. Ob ich das schaffe – mir kommen schon manchmal Zweifel, ob das physisch und psychisch erträglich wird.

Dann sah ich auf die Ostsee, die Hafenausfahrt und ich wusste da  – ich werde es auf jedenfalls versuchen.

Das ging dann schon morgens um 7 Uhr los. Es wurden bis 16 Uhr noch erträgliche Winde vorhersagt. Also los. Erst einmal 5sm raus nach Norden, um des Sperrgebiet zu umfahren und das beim feinstem Gennakerkurs. Wasser, soweit der Blick reicht. Nur nach Gülle roch es schon mal, wer weis was da im Sperrgebiet so vor sich geht. 

Dann Wende bei 60 Grad zum Wind von 12-15 Kn ideale Vorraussetzungen für eine schnelle Überfahrt nach Kolberg. Sie wurde gelegentlich auch ziemlich flott (7,4Kn Speed) da es schon Böen um 25 Kn dabei gab. Aber alles gut – Sonne, warm eingemummelt, und angeschnallt. Nur, die Pinne konnte ich nicht loslassen. Auch wollten der Traweler, die Großschot und der Achterstagspanner bedient werden.  War schon anstrengend über 6 Stunden langes Training der linken Arm-, Bein- und Bauchmuskulatur. 

Die Einfahrt in den Hafen von Kolberg wurde mir vom vorausfahrenden Piratenausflugwikingerschiff gezeigt. Der „Anleger“ fiel wieder hochprozentig aus, da wieder eine Schnapszahl auf der Log stand: 333sm. Wenn das so weiter geht werde ich noch Alkoholiker.
Die Stadt hat sehr große Gegensätze. Einmal ist es ein Kurort mit wunderschönen Parks, indem meistens deutsche Rentner flanieren, zum anderen eine Industriestadt für Fisch und Holz. Der Mariendom ist umringt von Plattenbauten aus der Sozialistischen Zeit und einer  Einkaufspassage und das historische Rathaus vom nicht gelungenem Nachbauen von Hansehäuser mit Plattenbautechnik eingerahmt.
An einer Bushaltestelle fiel mir eine Menschentraube auf, die mit dem Gesicht in die Mitte da im Kreis stand. Ich dachte: Tuschelkreis? Aber weit gefehlt, der örtliche Verkehrsbetrieb hat an Haltestellen Säulen aufgestellt. Es sind Smartphone Charger und WiFi-Hotspot, das nenne ich mal eine exportierende  Idee.
Ich werde noch ein Tag bleiben, aber wegen des aufziehenden Regens.
Gerade kommen zwei Polen, die schon länger die Aphrodite vom Steg beäugelt hatten, auf mich zu. Bei mir stellt sich ein sonderbares Gefühl ein, aber da fragte einer recht freudlichen nach dem Speed, welches das Boot erreichen kann und meinem Vorhaben. Ich erntete nach der Schilderung meines Vorhabes ein:  You are taff. Na, ob er recht behält?
Als ich vom Einkaufen zurück zum Hafen kann, da war die Keto wieder mit dem Ehepaar aus Dresden einschließlich Hund. Ich bekam nützliche Tipps für die weitere Reise und erfuhr, dass sie fast auf der gleichen Route unterwegs sind.