8- von Helsinki nach Hanko

So einfach ging es nicht nach Helsinki. Morgens in Tallinn war dicker Nebel, so dass ich den Turm der St. Olav Kirche nicht mehr sehen konnte. Also lies ich es langsam angehen und duschte noch einmal ausgiebig. Eine sehr gute Idee wie sich später herausstellte. Gegen 11 Uhr verzog sich der Nebel und ich verließ zusammen mit dem Nachbarschiff Hotspot den Hafen bei grüner Ampel. Keine Seemeile gesegelt hörte ich tiefe, sehr tiefe Nebelhörner und der Blick zurück offenbarte die Situation.
Der Nebel kam wieder und die Fähren und Kreuzfahrschiffe waren wie Hochhäuser im Nebel versteckt. Also schnell raus aus dem Fahrwasser an der Küste vorsichtig entlangtasten und auf Wetterbesserung hoffen. Als ich die Bucht vonTallinn nach drei Stunden endlich verlassen hatte, kam mehr Wind und Welle, aber der Nebel lichtete sich nur mühsam bis garnicht. Ich hörte von Ferne tiefe Nebenhörner und erinnerte mich daran, dass ich das sehr breite Verkehrstrennungsgebiet Richtung Russland queren musste. Schon auf dem AIS-Empfänger sah ich die Frachter, Tanker und Kreuzfahrtschiffe aufgereiht vorbeiziehen. Wie sollte ich es schaffen unbeschadet ohne jegliche Sicht dieses Gebiet zu queren. Ich suchte eine Alternative und fand sie in der estnischen Insel Prangli. Nur wie ohne Sicht die enge Hafeneinfahrt finden? Und da war er wieder, der Papst in meiner Tasche, da ich ein höherfrequenteres Nebelhorn hörte, welches einer kleineren Fähre nach Prangli gehörte. Also in bewehrter Weise warten und hinterher in den Hafen. Ein sehr kleiner Hafen und der Hafenmeister empfing mich als einziges Boot am Steg und half mir beim Anlegen. Verabschiedete sich aber gleich wieder, weil er das Museum öffnen musste. Als er wiederkam, war ich 20€ los und und hatte ein kopierten Plan von der kleinen Insel. Darauf malte er die Handvoll Sehenswürdigkeiten ein und erklärte mir die Hintergründe und Besonderheiten. Er ist nicht nur Hafenmeister und Museumsdirektor, sondern auch Fremdenführer, Ladenbesitzer und Busfahrer. Tief beeindruckt hatte ich die Gegenleistung zu den 20€ nicht richtig wahrgenommen: Plumbsklo im Wald, Strom an einer Steckdose, ein Wasserhahn am Steg, das war es. Den Weg zum Lädchen beschrieb er mir so: You’re up to and end of the black road. Wobei ihm bei Black-Road die Augen so leuchteten, als hätte er Schlossallee gemeint. Ich dachte schon welch seltsame Straßennamen gibt es auf dieser Insel, aber nur solange, bis ich die einzige mit Bitumen befestigte Straße der Insel sah. Bei einer 6 Quadratkilometer großen Insel mit 151  Einwohnern wohl ausreichend. Aber eine Fußgängerampel und eine Polizeistreife gibt es hier. Wobei mir der Sinn dieser Ampel nicht erschloss. Aber Personenkontrollen führte die Polizeistreife durch, obwohl sie doch jeden hier kennen müsste. Später im Hafen gab es dann Alkoholkontrollen bei den einlaufenden Finnischen Jachten. Bei manchen würde ich sagen: „Dumm gelaufen“, die ins Röhrchen blasen mussten. 

Busfahrt auf Prangli

Morgens brauchte ich nicht aufstehen um nach dem Wetter zu schauen, da ich schon wieder die Nebelhörner der großen Schiffe hörte. Bei mir war nun Katzenwäsche angesagt, bei meinen finnischen Nachbarn nicht, die badeten im Hafenbecken bei 11 Grad Wasser- und nur gering wärmeren Lufttemperaturen. Wobei da auch schon ein Bierchen zum Frühstück genommen wurde.
Also wurde Inselerkunden und Boot säubern zum Tagesziel erkoren. Eine besondere Insel ist Prangli, die reich an Findlingen ist, was die Beerdigung auf dem Friedhof nicht leicht macht. Auch eine Gasquelle gibt es, die aber nur unzuverlässig den stationären Grill im Gemeindepark heizt. 

 

Am folgenden Morgen ging es dann endlich los. Die Sonne schien, klare Sicht aber nur ein moderater Wind liessen mich schnell den Gennaker klar machen und los nach Helsinki segeln, um den nächsten Staat auf meinem Weg für mich zu erobern. Das Verkehrstrennungsgebiet war noch eine Hürde. Ich kam mir wie ein Fußgänger vor, der mit Gipsbein meine Heimatautobahn A46 humpelnd überqueren wollte. Da aber Heini half, habe ich es unbeschadet geschafft. Um im Beispiel zu bleiben hatte ich jetzt einen Rollstuhl zu Verfügung.

Das nächste Etappenziel habe ich am 16.06.2019 um 14:35 Uhr erreicht, denn da haben wir (Ich mit der Aphrodite, Heini und Minna) den 60. Breitengrad mit Gennaker übersegelt. Bis dahin habe ich genau 1064 Seemeilen und knapp zwei Monate gebraucht.
Mal sehen was Helsinki so bietet. Aber davor brieste es noch mal richtig auf und daher konnte ich kein Foto von der riesigen roten Vikinglinie machte, die sich an mir und der Insel vorbei drängte.

Durch diesen engen Kanal fahren die Fähren

Dann war die nötige Körperreinigung dringend erforderlich und es ging gleich erstmal in die Sauna. Enge Angelegenheit bei dem Andrang. So ein langes Gespräch in der Sauna hatte ich noch nie. Die Finnen haben sich sehr viel Mühe gegeben mein Englisch zu verstehen. Nur hatten alle außer mir Bierdosen in der Hand. Daran haben sie mich sicher als ein Ausländer erkannt. Später am Abend wollten noch zwei ältere Finnen die Aphrodite genauer unter die Lupe nehmen  und viele Fragen beantwortet haben. Einer sprach ein paar deutsche Worte, da er 1941 hier auf der Insel zur Schule ging und Deutsch lernen musste.
Hier gehe ich mit Sonnenschein schlafen und wache auch mit Sonnenschein auf. Nun wurde es aber Zeit um in den Hafen der Innenstadt zu verlegen.

Na, welche Gefahrentonnen sind zu sehen?

Wer sich nicht mit dem Kardinalsystem der Gefahrentonnen auskennt, hat in Finnland große Schwierigkeiten, da Fahrwassertonnen die Ausnahme bilden. Es setzt natürlich voraus, dass man die Himmelsrichtungen kennt und weis in welche Richtung das Boot fährt. Da mein Plotter nicht das tat was ich wollte, kam ich in den Genuss einer „Groooßen Hafenrundfahrt“ auf der Aphrodite. Vorbei an den riesigen Fähren und Kreuzfahrtschiffe, wo mir von den Balkonen begeistert die Fahrgäste zuwunken. 

Die Aphrodite schon entdeckt?
Auch in der Kirche wird chinesisch gefilmt

Trotzdem bin ich in der Marina-HMVK angekommen und mich auf die Entdeckungsreise gemacht. Oh, Helsinki hat sich sehr verändert seit dem letzten Mal, wo ich mit Petra hier war. Größer, moderner, geschäftig, lauter und schneller ist es geworden. Die Felsenkirchen habe ich fast übersehen zwischen den Hochhäusern. Aber ich durfte eine Mittagsandacht in der großen lutherischen Kirche auf finnisch mitmachen. Dazu bekam ich einen Ablaufplan in deutscher Sprache in die Hand gedrückt. Jedenfalls ist das finnische „Vaterunser“ wesentlich länger als das deutsche und die übersetzten Lieder konnte ich auch nicht mitsingen. Trotz allem war es ein besinnlicher Moment im Gewühl der Großstadt. Es störten doch die penetranten Besucher mit den Fotoapparaten und Handys, die trotz Verbots tolle Schnapsschüsse erhaschen wollten. 
Ab hier möchte ich in das finnische Schärenmeer eintauchen. Damit es nicht ein Irrgarten für mich wird, benötigte ich dringend einen Hafen- und Ankerbuchtenführer. Heini brauchte neues Motoroel und ein Benzinfilter, auch die Gennakenschotklemmen wollten nicht mehr mitarbeiten, so mussten neue her. Ein. Yachtshop befand sich an der größten Sportboothafenanlagen Helsinkis und mit der Metro war es eine Kleinigkeit die nötigen Dinge zu besorgen. In Helsinki besitzt wohl fast jeder ein Boot, denn der Hafen könnte La Rochelle Konkurrenz machen, so riesig ist er.

Die Finnen müssen gut belesen sein bei der riesigen Bibliothek

Die Finne hatten längst den elektrischen Roller und das E-Bike für sich entdeckt und überall standen sie zur entgeltlichen Benutzung rum.
Irgendwann war ich es leid, von den kussmundschmollenden Chinesen mit ihren Selfisticks attackiert und von den Gruppen von Kreuzfahrern an den Sehenswürdigkeiten und Marktständen vorbeigeschoben zu werden und sehnte mich nach meiner Aphrodite zurück. So viele strickende Omis kann es im Baltikum und Skandinavien gar nicht geben, die die handmade Mützen, Schals, Socken, Pullover und Jacken alle herstellen. Wenn da mal nicht auch hier und da eine helfende chinesische Hand mit im Spiel war.

Da hat doch sicher unsere Nordbahntrasse Pate gestanden

Am zweiten Tag habe ich mich auf die Tipps der einheimischen Stegnachbarn verlassen und habe ein anderes Helsinki kennen gelernt. Es war schön, erholsam, voller Überraschungen und auch leise. Hier reihen sich Parks, Häuser aus der Gründerzeit und schöne Kirchen auf. Aber auch kleine Lädchen mit ungewöhnlichen Dinge gab es zu entdecken. Ich war über mich selbst überrascht, als ich Freude beim Besuch des Museum für Modern Art bekam. Hier isst keiner im Gehen auf der Straße, dass verbieten schon die dreisten Möwen, die von hinten im Steilflug einem das Essen aus der Hand entreißen und zum Überfluss noch etwas, wenn man Glück hat, an der Kleidung hinterlassen.

Die Straßenbahn ist hier das dominierende Verkehrsmittel, obwohl Helsinki aus vielen Inseln und Hügeln besteht, schafft sie es doch die Beförderungswünsche zu erfüllen.  Ansonsten gibt es zwei U-Bahnlinien, wobei man viel Zeit für das Rolltreppenfahren mitbringen sollte, so tief liegt sie unter der Erde, um auch alle Inseln zu erreichen.
Am anderen Tag in aller Frühe hielt mich nichts mehr hier und ich legte das erste Mal auf dieser Reise nur unter Segel ab. Die Frühaufsteher winkten mir anerkennend zu und einer fragte sogar schreiend, wo man diese Segel kaufen kann. Es war viel Wind von vorn und ich wollte ambitioniert auch unter Segel die Schären Helsinkis verlassen. Es ist mir auch gelungen, wobei nicht die überkommenden Wellen sondern die anspruchsvolle Navigation mir zu schaffen machten. Der Westwind war ja ansonsten bei mir ja sehr willkommen, wo es nach Osten ging, aber ich hatte den östlichsten Punkt meiner Reise erreicht und daher ging es von nun nach nord- und westwärts weiter. Aber bald war auch die Fahrrinne zu schmal für einen geübten Maasflusssegler, sodass Heini zum Teil mithelfen musste. Als ich die Augenscheinlich nicht enge Hafenbucht von Porkkala passierte, erwartet mich ein sehr idyllischer Hafen mit einem Blick über die Ufer, den ich immer ersehnte. Augenscheinlich bedeutet hier, dass sich unter der Wasseroberfläche Felsen und Steine befinden, die nicht nachgeben, wenn ein Schiffskiel sich an ihnen reibt. Da sich hier im Norden die Felsen Jahr um Jahr heben, doch diese Entlastung nach dem gewaltigen Druck der Gletschern in der Eiszeit sei ihnen gegönnt, wurde halt die Navigation nicht leichter. Diesmal nahm kein Hafenmeister oder -in meine Leine in Empfang, sonder Karl-Heinz von der Hotspot, die in Tallinn neben mir lag. Es war im Anschluss ein netter Kaffeeklatsch, wo ich nicht nur viel über dieses Segelrevier erfahren habe. Die Sauna war leider kaputt, daher wurde dass Hafengeld auf 15€ reduziert.
Auch wieder vor allen anderen war ich schon auf den Weg zu nächsten romantischen Hafen Sommaröstrand. Das wurde eine zehn Stunden Etappe, da der Wind nur gelegentlich Vortrieb leistete und Heini alles geben musste damit wir noch im Hellen ankamen. Quatsch, denn es war der Tag vor der Sonnenwende, und Dunkelheit habe ich schon länger nicht gesehen. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht traute auf eigene Faust durch das Schärenmeer zu segeln und nahm daher die 2,4 Meter Tiefgangroute, die auf den Seekarten deutlich grün markiert sind. Ich bin zwar kein Freund von Motorfahrten, aber in diesem Fall war es Erholung und Erfüllung pur. Die engen  Fahrtrinnen an mit Kiefern bewaldete Insel und Inselchen vorbei, wo geschmackvolle Holzferienhäuschen skandinavisch angestrichen mit kleinem Anlegesteg und Saunahütte bestückt das Träumen anregten, dass war ein besonderes Erlebnis. Ich hätte am liebsten angehalten und ein Eiland besetzt. Schaukelnd aus meinen Träumen rissen mich regelmäßig Finnen mit ihren Motorbooten, die mindestens 200 PS haben müssen und immer im Gleiten über das Wasser fegten. Schade, aber die Ferienhäuschen sind nun einmal nur mit einem Boot zu erreichen und Helsinki liegt 40 Seemeilen entfernt.
Als ich in Sommarö angekommen war, erkannte ich auch warum die Finnen das Kardinalsystem so gut kennen. Hier auf dem Spielplatz werden schon bei den Kindern der Grundstock zu perfekten Seeleuten gelegt. Wer es nicht kapiert hat kommt nicht zur Schaukel. So einfach ist es manchmal. Die Hafenmeisterin hat ein geschicktes Händchen alles, und damit meine ich auch alles, hübsch zu gestalten. Zu Hause nennen Kenner den Tingeltangel der überall herumliegt, oder gewollt nicht gewollt aussehen zu lassen, Deko. Nichts für ungut, aber auf den Klo finde ich es etwas übertrieben. 
Der Wetterbericht sagte Südwestwind mit 15 Kn voraus, dass sollte zum Segeln gut reichen, bloß er kam aus der Richtung wo ich hin wollte. Ich zog die Segel direkt im Hafen hoch und los ging es den Tonnenstrich zu finden. Nachdem ich im offenen Gewässer war, kam der berüchtigte Nebel mit kaltem Wind. Jetzt hieß es sich erst einmal umzuziehen und dann entscheiden wie es weiter gehen soll. Im Nebel die Tonnen zu suchen und der Gefahr ausgesetzt zu sein auf Felsen aufzulaufen war kein gangbarer Weg für mich, also raus auf die Ostsee im breiten Fahrwasser der Berufsschiffe. Draußen wehte es mit 5 in Böen gute 6 Bft aber es lichtet sich der Nebel und die Sonne schien. Nur hatte ich dafür keine Route im Plotter und unter den Wellenbedingungen war das Karte lesen kaum verantwortungsvoll zu bewerkstelligen. Und da war er wieder, und schickte ein finnisches Segelboot mit zwei jungen ambitionierten Männern an Bord, die mir über fünf Stunden auf der Kreuz den Weg zeigten. Später als ich im Hafen von Hanko heil angekommen war, ging ich zu Ihnen und bedankte mich für die Navigation. Sie lachten und zeigten ihr iPhone, mit dessen  Hilfe sie die Tonnen und Untiefen umsegelt hatten. Der eine ärgerte sich schon ein wenig, dass er mich nicht mit seiner 34 Fuß Yacht abschütteln konnte. Aber mit dem von mir mitgebrachten Dosenbier war der Unmut schnell vergessen.
Da ich ja nun die Gebräuche kenne, ging ich ohne Bierdose in die tolle Sauna und hatte wieder interessante Gespräche auf englisch mit deutschen Zwischeneinlagen. Da erfuhr ich wie das heutige Mittsommernachtsfest gefeiert wird und das Hanko die südlichst und damit wärmste Stadt Finnlands ist. Wobei bei der Ausgestaltung der Festes die Meinungen der Mitsaunisten schon deutlich auseinander gingen. Die Finnen sind aber so höflich, dass sie auch untereinander englisch reden wenn sich Ausländer in der Sauna befinden.
Später in der Pflicht der Aphrodite gönnte ich mir natürlich ein Bierchen und konnte einem Gespräch zwischen den beiden Nachbarschiffen quer über mich hinweg mitlauschen. Das eine Nachbarschiff war eine X-43 und das andere eine Grand Soleil 45 Yacht. Also beide nur knapp unter einer halben Millionen Euro zu bekommen. Am Anfang prahlen sie mit ihren Schiffen und nannten die Vorzüge gegenüber anderen Booten. Aber recht bald kamen dann schon die Wünsche nach mehr Höhe auch bei weniger Wind oder mehr Bewegungsfreiheit in der Duschkabine und etwas mehr Komfort im Salon. Also zufrieden schienen sie doch nicht mit ihrem derzeitigen Besitzt zu sein.
Schade, dass der ideelle, olympische Gedanke (höher, weiter, schneller) in unsrem Alltag zu einem materiellen verkommen ist. Wenn ein Ziel erreicht ist, wird schon das nächste gesteckt, dass mehr Ruhm, Anerkennung, Reichtum und Zufriedenheit bringen soll. Aber ist dies wirklich erstrebenswert, sollten wir nicht auch mit dem zufrieden sein, was wir erreicht und schätzen gelernt haben? Diese Reise läßt mich auch darüber sinnieren, ob ich da noch weiterhin mitmachen möchte, oder ob nicht viel wichtigere und beständigere Dinge in meinem Leben zu verfolgen sind. Ich glaube schon und will versuchen aus dem Hamsterrad auszubrechen. Daraufhin streichelte ich sanft mit der Hand über die Süllkante der Aphrodite und zwinkerte ihr zu. 
Daran erinnert mich in Zukunft eine Mittsommernacht in Hanko.