7- von Montu nach Tallinn

Estland wir kommen mit schnellen Gennakerfahrt!

Und ich wurde nicht enttäuscht, der erste Landgang war so wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Leise, duftend nach Kiefer, Birke, Salzwasser und erholsam. 

Am folgenden Tag ging es dann los die Insel Saaremaa kennen zu lernen und es gibt keinen besseren Ausgangspunkt als Kuressaare. Also los die knapp 30 sm dahin segeln. Ich habe gelernt in Estland sind die Entfernungen der Häfen so ähnlich wie in Holland, da sind 30 sm die weiteste Entfernung zwischen ihnen. Die Sonne schien und bescherte mir den ersten Sonnenbrand auf den Waden. Na, ja etwas mehr Wind hätte es sein können, aber Segler sind ja nur sehr selten mit dem Wetter zufrieden. Und so musste zwei Stunden Heini ran und auch DIE Selbststeueranlage kam zum Einsatz. Jetzt habe ich auch einen Namen für sie gefunden: MINNA. Immer dienstbeflissen, fleißig, ein Auge für das Wesentliche, lässt es nicht raushängen, dass sie es besser macht als ich, aber eine kleine, graue, rundliche Maus. Das passt.
Der Aushub der langen Fahrrinne zum Hafen wird zu beiden Seiten zum Schutz aufgetürmt. Eine Heerschar von Möwen fanden meine Vorbeifahrt nicht schön, da sie gerade ihren Nachwuchs auf den Hügeln großzogen. Die kleinen grauen Möwen schauten mich nur interessiert an, der Rest machte einen riesigen Krach. Der super nette Hafenmeister halft mir beim Anlegen und war schnell in seinem Büro verschwunden, um die deutsche Flagge am Flaggenmast zu hissen. Ein einheimischer Stegnachbar begrüßte mich freundlich in Kuressaare. Toll hier. Ich wurde gleich mit einer deutschsprachigen Infomappe versorgt und bekam den Hinweis auf eine App, die die Hafenformalitäten schnell und unkompliziert erledigen kann. Ich habe sie nicht installieren, da ich es einfach schöner finde so herzlich in Empfang genommen zu werden, auch wenn es mit meinen Kenntnissen der englischen Sprache nicht immer gleich so gut funktionierte. Abends am Tisch in der Pflicht sitzen, mit einem Bierchen in der Hand den Wuppertaler Generalanzeiger lesen und später über das WiFi-Netz den letzten Tatort anschauen, das war die Krönung des tollen Tages. Jetzt war ich angekommen und die Strapazen der letzten Zeit waren fast vergessen. In dieser Nacht konnte ich auch das erstmal die zusätzlichen Decken im Schlafsack weglassen, welch herrliches Gefühl. Das Möwen Bier mögen, konnte ich unschwer in der Nacht am Gepolter der Dosen vernehmen oder ist das nur in Kuressaare so.

Das Trollpärchen beschützt und versorgt die Inseleinwohner

Wer kennt das nicht, wenn ein Geruch oder Geschmack einem sofort an Erlebnisse aus der eigenen Kindheit erinnern. So geschah es heute, als ich am Morgen die Milch aus der Kühlbox nahm, die mir recht zähflüssig in der Verpackung vorkam. Aber wie es nun meine Art ist, wird erst einmal daran gerochen. Und da war der Moment, als ich den leicht säuerlichen, aber nicht unangenehmen Geruch in der Nase hatte, kam mir sofort meine Mutter in den Sinn. Als ich noch ein kleiner Junge war, hatte sie die alte Milch in eine Schale ans Fenster gestellt um Dicke Milch zu machen. Und so gab es heute zum Frühstück Dicke Milch mit Zimt und schöne Erinnerungen an meine verstobene Mutter. Wie das allerdings die Estländer trotz strenger EU-Vorgaben hin bekommen ist mir ein Rätsel. Na ja, vielleicht ist dies auch nur Auslegungssache, oder wir haben uns zu sehr an die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln gewöhnt.

Die Festung musste erobert werden. Vor der Eroberung stand noch der Eintrittspreis von 8€ im Weg, aber dann ging es los. So ein Museum hatte ich noch nicht erlebt.  Alles war offen, ich habe mich fast verlaufen, aber die Schulkinder, die hier eine Art Schnitzeljagt machten, halfen mir. In der Festungsanlage sind eine Vielzahl von Ausstellungen. Kunst, Natur, Gebräuche und vor allen Dingen Geschichte. Daher die Schulkassen mutmaßte ich. Und da war sie wieder, die Konfrontation mit der Deutschen Vergangenheit.
Was für ein Leid hat die Estländische Bevölkerung durchmachen müssen. Erst die Nazis mit der Ausrottung der Jüdischen Bevölkerung, dann die Befreier, die Russen, mit der Vernichtung aller privaten Boote, damit keiner abhauen konnte. Dann endlich am 23. August 1989 der Aufstand, der durch eine lange Menschenkette quer durch das Land und dem Sängerfest die Selbstständigkeit Estlands forderte, den auch die russische Armee nicht mehr niederschlagen konnte. Am 4.Mai 1990 wurde die Unabhängigkeit mit der Einführung der alten Verfassung von 1922 ausgerufen und seit 2004 ist Estland ein regulärer EU-Mitgliedsstaat.

Ein kleiner Wolladen

Das sieht man überall. Hier werden die EU-Steuergelder einmal sinnvoll verausgabt, finde ich.
An die Sprache der Estländer muss man sich erst gewöhnen. Für meine Ohren sehr merkwürdig und an der Kasse im Supermarkt, wenn die Kassiererin den Preis nennt, muss ich aufpassen, dass ich nicht laut loslache, so lustig hört sich das an. Ich las das Monatsmiete auf estnisch kuuüür heißt, sprecht das einmal aus.
Im Hafen zurückgekehrt kam die Keto an, und Anke frug, ob ich wieder ein paar Buchstaben aneinandergereiht habe. Das ist ein „Insider“ unter uns, da wir beide das Buch: „Wer Meer hat braucht weniger“ gelesen haben. Dort spricht der Autor immer von Aneinanderreihung der Buchstaben, wenn er arbeiten muss. Anke schrieb auch fleißig einen Blog „Auszeit unter Segeln“ und dies als Lehrerin sicher ohne meine typischen Rechtschreibfehler.
Da wir unseren letzten gemeinsamen Abend ordentlich feiern wollten sind Anke, Carsten und ich in die Innenstadt am Brunnen in ein gutes Restaurant gegangen. Das Essen war fantastisch und preiswert, nur ein bisschen Wehmut war schon dabei, da morgen die Besatzung der Keto Richtung Süden nach Riga und ich nach Nordosten Richtung Tallinn aufbrechen werden. War eine schöne gemeinsame Zeit mit vielen Erlebnissen und lustigen Gegebenheiten. Und so ging es am Morgen nach Köiguste. Erst mit Motor die Mövenrinne zurück und dann mit Amwindkursen kreuzend zu dem einsamen Hafen.
In den Seekarten steht für die Einfahrt eine Wassertiefe von 0,6m und damit viel zu niedrig für mich, aber es wurde mir bestätigt, dass die Karten lügen. Der Hintergrund liegt in der russischen Besatzungszeit, wo im Hafen Schnellboote stationiert waren und als Schutz vor neugierigen Blicken, wurden einfach die Seekarten gefälscht. Und es hat gepasst und ich wurde in der nagelneuen Steganlage schon von weitem von einer jungen blonden Hafenmeisterin eingewiesen. Als ich näher kam dachte ich, die kennst du doch irgendwoher. Richtig in ARTE habe ich einen Bricht über die estnische Fraueninsel Kihnu gesehen, dort wurde die Geschichte einer Leuchtturmwärterin erzählt und wie sich später herausstellte, hat die Schwester nun den Hafen in Köiguste aufgebaut und bewirtschaftet ihn. Mit Michael von der Swim sind wir die einzigen Boote im Hafen, aber es trudeln immer mehr deutsche Wohnmobile ein. Es scheint ein Geheimtipp in einschlägigen Foren der Campingfreude zu sein.

Morgens bei wenig Wind, der auch noch vor vorne kam, konnte ich nur bis Kuivastu kommen. Das ist der Fährhafen auf der Insel Muhu, wo die Anbindung an das Festland verläuft. Ganz moderner Hafen und die Befürchtung die wartenden Autos und LKWs werden sehr stören, bewahrheitete sich nicht. Auch hier werde ich vom Hafenmeister schon vom Weiten herangewunken und hilfreich beim Anlegen unterstützt. Er lächelte sehr gerne und viel, nur konnte ich ihn dabei nicht in das Gesicht sehen, da er nur noch zwei oder drei verfaulte Überreste von Zähnen im Mund hatte. Die Liegegebühr von 10€ ist ein Schnäppchenpreis bei diesen Sanitäranlagen und auch die Sauna war inklusive. Das musste ich ausnutzen und so kam ich zu meinem ersten Saunagang auf dieser Reise. Michael von der Swim war auch angekommen und ließ sich auf ein Anlegerbier auf der Aphrodite einladen, er sagte zu, aber mit dem Versprechen verbunden sich morgen zu Revanchieren.

Der Wind drehte über Nacht und blies mit über 20 Knoten aus West. Ich wollte eigentlich die Insel Hiiumaa im Westen besuchen, aber das würde ich nicht schaffen. Ich entschloss mich Michael zu folgen und nach Haapsalu nordwärts zu segeln. Das war vielleicht ein Ritt. Die ersten zwei Stunden ging es gegen an und der Wind blies dabei mindesten mit 18 Knoten und in Böen auch 27 Kn. Eigentlich schon viel zu viel für die Aphrodite dachte ich. Ich holte alles erdenkliche an Trimmmöglichkeiten bei gerefften Groß und Fock raus und war erstaunt wie gut die Segel den Belastungen stand hielten. Die Welle war ein wenig unangenehm und ich saß öfters im überkommenen Ostseewasser auf der Pflichtbank. Da die Swim vor mir segelte, brauchte ich nicht auf die Untiefen zu achten, sondern segelte einfach hinterher. Am Abend  beichtete mir dann Michael, dass er kein Groß gesetzt hat und nur durch Maschinenkraft überhaupt so hoch an den Wind kam. Er wollte abbrechen, sagte sich aber, was der Olaf kann, sollte ich doch auch können. Als ich nach dem Erreichen der Fahrwassertonne abfallen konnte, rauschte ich dann an der Swim vorbei und nahm der Bavaria auf 6 Stunden eine ganze Stunde Segelzeit ab. Ja, die 806 ist schon ein Renner. Im Hafen angekommen lag die Abraxas des Dresdener Ehepaars, die ich schon in Köslin kennenlernen durfte. Irgendwie verfolgten mich die Sachsen.

Das Städtchen Haapsalu mit seiner Bischofsburg ist ein romantisches Örtchen, dass auf mich Charme und Ruhe ausstrahlte. Auch hier war die Sauna inklusive und wurde auch gleich von mir ausprobiert. Mit Michael ging ich dann am Marktplatz essen und hier galt wieder „ Gut und sehr preiswert“. Nur den Namen des Restaurants konnten wir nicht aussprechen.
Zu drei Booten machten wir uns am folgenden Tag auf den Weg nach Lohusalu, ein kleiner Hafen vor Tallinn. Aber es sind 50 Seemeilen und der angesagte Starkwind blieb aus und mit 14 Knoten war es damit Gennakerwind. Nur hatte ich nichts vorbereitet und musste so auf den Wellen reitend aufs Vorschiff alles klarmachen. Ich war leichtsinnig, als ich den Schutzfender vom Gennakerbaum in die Pflicht werfen wollte. Ich sah es kommen und es kam auch so, der Fender streifte die Wanten und verabschiedete sich ins Wasser. Also „Fender über Bord“-Manöver war angesagt. Ins Cockpit zurück, Kurs ändern, Segel trimmen und zurück. Dumm war nur dabei, dass der Fender schwarz war und aufgeschnitten, damit er über den Gennakerbaum passte. Ich habe ihn jedenfalls nicht mehr gefunden. Ich ärgerte mich über meine eigene Dummheit und war nun beim Hantieren auf dem Vorschiff vorsichtiger. Es war ein toller und langer Segeltag, wo wir drei Schiffe uns nichts schenkten. Wie heißt es unter Seglern: Zwei oder mehrer Segelboote auf gleichen Kurs provoziert eine Regatta. Da der kleine Hafen kein Möglichkeit des Segelbergens hatte musste es draußen geschehen. Und dann passierte das zweite Malheur. Wieder musste ich aufs Vorschiff die Fender und Festmacherleinen klar macht. Plumps war der Lieblingsfestmacher von Petra im Wasser und sank auf den „kalten Fels der Ostsee“. Ein Insider für alle die das Lied: „Über meiner Heimat Frühling“ kennen. Na dass war ein Tag. Aber das Anlegemanöver mit Heckmooring hat dafür sehr gut geklappt. Vielleicht auch weil der uniformierte Hafenmeister half.
Ich werde schon gefragt, was ich so alleine über Stunden an der Pinne so mache. Die anderen Segler schlafen, kochen oder lesen. Das Lesen funktioniert nur gelegentlich bei wenigen Wettersituationen, dass andere gar nicht. Ich antworte dann ein bisschen ausweichend, da ich mich ein wenig dafür schäme. Aber euch kann ich es ja verraten. Zuerst einmal sinniere ich wie Jan Fedder als Brakelmann in „Neues aus Büddenwarder“ und dann singe ich von Shantys über Pfadfinderlieder zu modernen Kirchenlieder lauthals in den Wind. Manchmal muss ich lange über den Text nachdenken, aber das vertreibt die Zeit und trainiert die grauen Zellen. Höhren kann mich ja nur Heini und Minna denen es egal ist. Jedenfalls protestieren sie nicht. 

Dann der letzte Segelschlag nach Tallinn war schon erlebnisreich. Die Tanker, Frachter und vor allem die Fähren und Kreuzfahrtschiffe, durch die man sich durchschlängeln musste um in die Old-City-Marina zu kommen. Aber als Segler hat man ja Vorrang. Habe ich aber nicht herausgefordert und bin jetzt nochmal froh, dass ich Geld in ein AIS-Empfänger investiert habe. So konnte ich die Kurse und Geschwindigkeit abschätzen, um frühzeitig eine Kollision zu verhindern. Dann über Funk beim Hafenmeister melden, um in den Hafen zu kommen. Im Hafenhandbuch stand, wenn ein rotes Licht leuchtet darf nicht einlaufen werden. Ich sah am Kai zwei rote Lichter nebeneinander, was keine Einfahrt und Außer Betrieb bedeutet. Ich dümpelte vor der Einfahrt so herum, bis ich ein weitere kleines Licht in der Mitte darüber entdeckte. Na, ihr vermutet es, es war ein Auto am Kai, wo der Fahrer permanent auf der Bremse stand.
Nach dem Anlegen, verfolgte ich die Finnen von den Fähren kommend mit ihren Einkaufstrollis  zum günstigen Getränkeshop, denn auch ich will mich noch für den weitern Verlauf in skandinavische Gefilde rüsten, wo alkoholische Getränke sehr teuer sind. Da wird der Wasserpass der Aphrodite wieder unter der Wasseroberfläche sein. Abends war ich noch in der feudalen Sauna des Hafens mit einer riesigen Scheibe, durch die ich beim saunieren die Altstadt Tallinns, aber auch den Wohnmobil Stellplatz sehe konnte. Ich hoffte nur, dass die Durchsicht nur einseitig war. So erholt kann es morgen auf Besichtigungstour gehen.
Im Logbuch stand nun 1021 Seemeilen die ich auf diesen Törn mit der Aphrodite erleben konnte. Wir sind schon ein gutes Gespann finde ich.
Auf zur Stadtbesichtigung ging es bei strahlenden Sonnenschein. Diese Hauptstadt muss man gesehen haben. Beeindruckend, romantisch, geschichtsträchtig, verwinkelt und schön ist sie. Aber um die Altstadt herum auch laut, modern, gewaltig, überwältigend und schnell mit vielen jungen Menschen. Ich war überwältigt und konnte garnicht so schnell alles erfassten. Ich lies mir Zeit dafür. Aber auch die Chinesen habe sie für sich entdeckt und bilden große Menschentrauben vor den Sehenswürdigkeiten. Den Turm der Hauptkirche St. Olav musste ich ja besteigen, obwohl ich ja schon genug sportlich Betätigung hatte.
Dirk gab mir den Tipp, die kandierten Mandel mit Knoblauch zu probieren. Ich traf auf eine Verkäuferin an ihren ersten Arbeitstag und sie hat mich bestens bedient. Ich bevorzugte aber die Mandeln mit Kaffeemehl. Ein Gedicht.

Manche Verkäuferinnen habe ich aber nicht beneidet bei dem Sonnenschein.

Da morgen immer noch Sturm auf dem finnischen Golf ist, werde ich ins Künstlerviertel fahren, um noch mehr von der tollen Stadt zu erleben. Aber das ist eine andere Geschichte.