1- Von der Schlei nach Warnemünde

Nachdem das Boot zügig ins Wasser der Schlei kam, konnte ich mit dem Ausrüsten und Beladen beginnen. Sechsmal frage mich die Kassiererin im Penny-Markt am Hafen, ob ich „Treuepunkte“ sammle. Ich hätte am Anfang JA sagen sollen, um die „tollen“ Dinge zu bekommen, aber ihr freudlichen Lächeln war mir Lohn genug. Nun war aber alles eingekauft und verstaut. Ist schon erstaunlich was in eine 806 so reinpasst. Aber …

Der erste Schlag ging kreuzend nach Maasholm durch eine Heerscharen von Heringsangler. Gut war, dass sie im Wasser stehend eine Markierung der senkrecht abfallenden Fahrrinne für mich war. Jetzt merke ich doch deutlich, dass nicht mehr das agile Regatterschiff sondern ein träges Fahrtenboot steuere. Wir hatten einen tollen und für mich unvergessenen Abschiedsabend mit meiner Familie, die das Losmachen schon erschwerte. Aber mein Sohn wollte mich beim ersten Schlag begleiten. Auf Gehts nach Wendtorf.

Mit Genacker waren wir die Kings bei wenig raumen Wind und überholten sogar eine X99. Der Eigner machte sofort ein Foto und schrie zu seiner Frau „So ein Genacker muss ich auch haben“.  Aber dann kam ein Schweinswalpärchen und hat die Aphrodite adoptiert. Sie versuchten immer wieder ihren Bäuche an der Aphrodite zu reiben. Ein fast eine Stunde lang unvergessene Begegnung einer anderen Art.

Der Hafen von Wendtorf ist ein Übernachtungshafen auf meinen Weg durch die Schießgebiete Todendorf und Putlos. Hier verließ mich mein Sohn und es ging nun alleine bei 15 Kn Wind gegenan bis Heiligenhafen weiter. Die Aphrodite erweist sich als ein sehr ausgewogenes Schiff, sodass ich, einmal die Segel richtig getrimmt bei ca 12Kn Wind, die Pinne fast eine Stunde verlassen kann. 38 sm bei herrlichsten Segelwetter gingen dann nach 9 Stunden im Touristenort Heiligenhafen zu Ende.  Hier werde ich den aufziehenden Sturm „abwettern“.

Und das war auch im Hafen heftig. Ich habe mich an den Raum unter Deck noch nicht gewöhnt. Zahlreiche blaue Flecke und Beulen am Kopf zeugen davon, dass ich die Abmessungen noch nicht verinnerlicht habe. So sieht mein Schlafplätze im Vorschiff aus:

So vertreibe ich mir die Zeit in Heiligenhafen und ersehne die Weiterfahrt nach Fehmarn. Sehen kann ich die Insel ja schon.

Aus Langeweile komme ich auf werkwürdige Ideen.

Dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte nach Fehmarn, um den Schlag nach Warnemünde zu verkürzen. Die lange Hafenausfahrt von Heiligenhafen schaffte mein 5PS Motor nur sehr mühsam. Als dann noch die Welle dazu kam würde mir schon mehr als mulmig, denn der Wind kam mir nicht unter 20kn entgegen. Ich zog beherzt das gereffte Großsegel hoch und erstaunlich wie sich die 806 an die Welle schmiegt und gute Höhe läuft. Vor der Brücke wird es für Kreuzschläge schon eng, also hoch mit der Fock. Etwas mehr Lage entstand, aber so kreuze ich unter der Fehmarnsundbrücke hindurch und sehr hoch am Wind die lange Fahrrinne des Fehmarnsund entlang. Erst jetzt bemerke ich das sprudelnde Eintauchen der Aphrodite in das Salzwasser der Ostsee. Dieses Zischen und Glucksen kommt dem Einfüllen eines guten Champagner in ein weit öffnendes Glas gleich. Das ist schon ein tolles Boot die International 806.

Am nächsten Tag dann recht früh auf nach Warnemünde. Anfangs noch guter Wind der allmählich drehte und abnahm. Da half auch kein Gennaker mehr, um die alte Dühnung auf dem Boot erträglicher zu machen. Alles schwankt, schlackert und klappert. Also Motor anschmeißen und später wird noch die Selbststeuerung ausprobieren.

 

Endlose Weite – Küstenlinien verschwinden – Herrlich.

Und dann kam der AIS-Alarm und sagt mir Kollisionskurs mit der „Nils Holgerson“, das Fährschiff, dass mich mit Frau und klein Svenja vor über 20 Jahren nach Schweden brachte. Ich glaube es nicht.

„Dann habe ich es endlich geschafft“ sagte mein Außenbordmotor im Hafen des Warnemünder Segelclub.  Ich machte erst einmal schwankend ein Landgang am Alten Strom entlang. Voller Touristen (Na, bin ich nicht auch einer?) so wie in Heiligenhafen, aber anders. Waren es in Heiligenhafen noch die Rufe und Gespräche im Café im kühlen Hamburger Slang oder rauem Ruhrpottdeutsch, kommt hier das berlinerische und sächsische an mein Ohr. Etwas fehlplatziert kommen mir die an allen Laternen befestigten Wahlplakate eines bärtigen Unparteilichen Kandidat zum Rostocker Bürgermeister vor. Sein Programm: Sperrmüll, Ordnung, Sicherheit. Das verstehen wohl nur Insider.

Der Abend klingt in der Plicht der Aphrodite bei einem Glas Rotwein und dem Jaulen der Seehunde aus. 

Ich bin noch „Urlauber“ mit begrenzter Zeit und der Erkenntnis bald geht der Trott wieder los. In diesem traurigen Augenblick geht ein etwas gebeugter, älterer Herr mit langen grauen Pferdeschwanz und Handtuch bewaffnet über den Steg und ruft mir ein völlig entspanntes „Moin“ zu. Wir haben 11 Uhr? Ich denke das wird noch was mit mir.