6. Südwärts bis an die Höga Kusten

Am Abend kam noch die Crew eines Teilnehmers der Midsummer-Race-Regatta an mein Boot, um es sich anzusehen. Sie waren ganz erstaunt, dass ich es allein bis hierher geschafft hatte. Es wurde ein netter Austausch über unsere Erlebnisse. Einer der jungen Männer war wohl der Wetterexperte an Bord und sagte für die nächsten Tage Flautenwetter voraus. „Morgen bis mittags geht es wohl noch was“, meinte er zu mir.

Da ich ebenfalls wieder nach Süden wollte, legte ich kurz vor 6 Uhr bei moderatem Wind zur Insel Junkön ab, die ich nach gut neun Stunden auch erreichte, wobei „Heini“ auf etwa einem Drittel der Strecke unterstützen musste.

Die Insel war früher militärisches Sperrgebiet und wurde 1998 in ein Naturschutzgebiet mit einem kleinen Gästehafen umgewandelt. Ein niedlicher Hafen, in dem ich zum ersten Mal auf meiner Reise in einer holzbefeuerten Sauna schwitzen konnte. Es stimmt tatsächlich: Im Bottnischen Meerbusen ist das Wasser kaum salzig – was ich beim anschließenden Abkühlen sofort feststellen konnte.

Fast permanent stelle ich mir die gleichen Fragen: Wie wird das Wetter? Kann ich dorthin kommen, wo ich hinwill, oder sind Alternativen sinnvoller? Gibt es dort Strom, Wasser, eine Toilette und vielleicht auch Benzin? Soll ich einen langen Segeltag in Kauf nehmen?
Von entspanntem Urlaubsfeeling ist da kaum etwas zu spüren.
Aber ich weiß genau, welchen Kommentar meine Frau Petra dazu abgeben würde: „Du kannst doch sowieso deine Hände nicht stillhalten und brauchst immer Aktion!“ Na, da könnte sie recht haben.

Am nächsten Tag lag der Bottnische Meerbusen spiegelglatt vor mir. Also blieb nichts anderes übrig, als unter Motor die schwedische Küste bis zum Vereinshafen Sandholmen anzulaufen.

Da die Benzinreserven langsam zur Neige gingen, schnappte ich mir das Vereinsfahrrad – allerdings ohne Hinterradbremse – und fuhr die zehn Kilometer bis zur Tankstelle. Im Hafen traf ich überraschend wieder „alte“ Bekannte, und natürlich kam es sofort zu einem gemütlichen Klönschnack. Nur die E4 am anderen Ufer störte schon mit dem Autolärm die Idylle.

In Bjuröklubb, einer unter Naturschutz stehenden Insel mit Leuchtturm, die eine Vielzahl von Vögeln und besonderen Pflanzen beherbergt, konnte ich wunderschöne Ausblicke über den Bottnischen Meerbusen nach Norden genießen. Außerdem sah ich dort sogar eine Schlange. Hier spürte ich innerhalb kurzer Zeit eine Erholung und innere Zufriedenheit, die mich für manche Plagen der vergangenen Wochen entschädigte. Der sehr kleine Hafen, der früher einem Lotsenboot als Heimathafen diente, war bereits gut besucht. Für die APHRODITE fand ich jedoch noch ein kleines Plätzchen.

Morgens ganz früh abzulegen war die Voraussetzung, um nicht in den heftigen Nordostwind zu geraten. Aber selbst 4 Uhr reichte nicht aus, sodass ich schließlich fast erschöpft mein Ziel Ratan änderte und den mir bereits bekannten Vereinshafen in Sikeå anlief.
Dort konnte ich mich beim Essen kochten mit anschließenden Saunagang im Vereinshaus erholen.

Morgens schlief der Wind ein, und „Heini“ brachte uns zur Insel Holmön. Durch die alte Dünung wurde es dennoch eine enorm schaukelige Überfahrt.

Hier wollte ich mich einen Tag erholen – und genau das tat ich auch.

Nachdem es nachts heftig geschüttet hatte, war es am Morgen sonnig, und alles trocknete schnell wieder.

Museum über den Fischfang

Ich wollte mich auf den Weg zu der Tankstelle machen, die in Google Maps angegeben war. Ich fand jedoch keine. Eine junge Frau, die einen Kinderwagen schob, sagte mir, ich solle es im Landhandel versuchen. Also ging ich zurück zum Hafen – begleitet von dem Kleinkind im Wagen, das mir immer wieder fröhlich zuwinkte. 
Dort erfuhr ich jedoch, dass der Benzinverkauf eingestellt worden war. Für die rund 50 Einwohner, die hier ihre Autos fahren dürfen, lohnte sich das nicht. Die Hunderte Feriengäste müssen ihre Fahrzeuge ohnehin auf dem Parkplatz an der Fähre stehen lassen.

Da sprach mich eine ältere Verkäuferin an und fragte, ob ich Deutscher sei. Ich staunte. Sie erklärte mir, dass sie gerade Deutsch lerne, weil ihre Enkel in Österreich leben. Ich solle um 13 Uhr in ihrer Pause wiederkommen, dann würde sie mir Benzin aus ihrem eigenen Vorrat geben.

Ich war sprachlos. Gemeinsam gingen wir die anderthalb Kilometer zu ihrem Haus. Dort füllte sie aus ihrem Kanister meinen Reservekanister, und anschließend machten wir uns wieder auf den Rückweg, denn ihre Arbeit wartete. Diese Hilfsbereitschaft hat mich sehr berührt. Natürlich unterhielten wir uns unterwegs die ganze Zeit auf Deutsch – eine gute Gelegenheit für sie, ihre Sprachkenntnisse zu üben.

Am Nachmittag ging es dann auf den Wanderweg über Stock und Stein entlang der Nordküste der Insel. Es war traumhaft schön und abwechslungsreich, sodass ich die Strapazen der letzten Tage und selbst die Mücken schnell vergaß.

Für mich hat die Ostsee längst ein Gesicht. Sie ist eine starke Frau: mal freundlich und einladend, mal rau und fordernd, aber immer faszinierend.

Na ja, rau und fordernd war sie dann auch, als ich einen langen Schlag nach Järnäshamn machte, einem ehemaligen Lotsenhafen, der heute zu einem Restaurant gehört und nur noch sehr klein ist. Für die APHRODITE fand sich aber noch ein Platz. Die Hafengebühr musste man mit einem Essen begleichen.

Also doch wieder: freundlich und einladend. So etwas habe ich vorher noch nie erlebt.

Von dort segelte ich nach Husum – allerdings nicht an die Nordsee, sondern hier kurz vor der Höga Kusten. Ein niedlicher Hafen. Man sollte sich nur besser nicht umdrehen, denn dann blickt man direkt auf ein großes Holzverarbeitungswerk.

Ich bekam einen Liegeplatz, der eigentlich einem einheimischen Segler gehörte. Er meinte jedoch nur: „Geht schon. Ich komme sowieso erst nächste Woche. Dann soll hier ja auch der Sommer anfangen.“

Er erzählte mir außerdem, dass er die Städtepartnerschaft mit dem deutschen Husum angestoßen hatte. Der Stadtrat habe sie jedoch abgelehnt. „Politik halt“, sagte er schmunzelnd.


Als ich später die Eisenbahn auf der anderen Seite des Fjords hörte, fasste ich den Entschluss, meine Tochter und meinen Schwiegersohn in Stockholm zu besuchen, wo sie gerade ein Wochenende verbrachten. Na ja, ob ich nun sechseinhalb Stunden in der Plicht oder bequem im Zug sitze – da fiel mir die Entscheidung nicht schwer.

Es war überaus erfüllend, mit den beiden durch Stockholm zu schlendern und die Erlebnisse der vergangenen Wochen auszutauschen. Besonders schön war es, gemeinsam in der Gamla Stan essen zu gehen und anschließend das bunte Treiben der vielen Menschen im Park vor der Oper zu erleben. Obwohl ich kein Fußballfan bin, hat mir das Public Viewing in einem Restaurant vor dem Schloss ebenfalls sehr gefallen.

Leider musste ich mich am nächsten Tag wieder von den beiden verabschieden und mit dem Zug entlang der Höga Kusten zur APHRODITE zurückfahren. Am folgenden Morgen ging es dann endlich wieder aufs Wasser – hinein in die berühmte Höga Kusten.

Als erstes steuerte ich die Insel Ulvön an und war überrascht, dass ich bereits am frühen Nachmittag nur noch einen Liegeplatz bekam – und auch den nur, weil ein finnischer Segler mich längsseits an sein Boot nahm.

Dass in den skandinavischen Ländern die Sommerferien begonnen hatten, war nun deutlich zu spüren. In den Gasthäfen, Restaurants und den kleinen Gassen war es sehr voll und laut. Deshalb war ich froh, das Getümmel am nächsten Morgen hinter mir zu lassen und die Küste weiter nach Süden zu segeln.

Es wurde ein sehr eindrucksvoller, warmer und erfüllender Segeltag – allerdings auch mit einigen seglerischen Herausforderungen. Wer es gewohnt ist, zwischen Inseln zu navigieren, kommt damit jedoch gut zurecht. Ich kam mir zeitweise vor, als würde ich auf einem sauerländischen Stausee segeln. Die mit Nadelbäumen bewachsenen Berge und das tiefblaue Wasser erinnern tatsächlich daran.

Für die Schweden ist die Höga Kusten etwas ganz Besonderes, obwohl dort kein Berg höher als 300 Meter ist. Für skandinavische Verhältnisse ist diese Küstenlandschaft jedoch außergewöhnlich. Sie zu sehen, den Duft der Wälder wahrzunehmen und durch diese Landschaft zu segeln, war ein unvergessliches Erlebnis.

Als ich dann die schmale und lange Zufahrt zum Gästehafen Häggvik durchfahren hatte, eröffnete sich mir ein überraschend schöner Anblick. Schnell wurde ein Fahrrad geschnappt und der ICA zwar nicht leergekauft, aber die Lebensmittelvorräte wieder aufgefüllt. Anschließend war endlich wieder ein ausgiebiger Saunagang angesagt.

Es war zwar Wind angesagt, aber ich hatte die Höga Kusten mit ihren steilen Bergen und tiefen Schluchten unterschätzt. Hier entstehen Winddreher und Fallwinde, die einem das Segeln alles andere als leicht machen. So wurde es ein sehr anspruchsvoller Törn nach Härnösand, bei dem ich die Segel fast ununterbrochen trimmen und die Böen aussteuern musste. An Entspannung war heute nicht zu denken.

Eigentlich hatte ich mir den nördlichen Hafen als Ziel ausgesucht. Doch dort, wo sich laut Karte der Gästehafen befinden sollte, fand ich lediglich einen Steg für Berufsschiffe. Etwas weiter hinten entdeckte ich zwar einige Festmacher an der Brücke, doch der starke Seitenwind ließ mir keine Chance, dort sicher anzulegen.

In diesem Moment sprang die Brückenampel auf Rot/Grün, und ein Segelboot vor mir setzte sich in Bewegung. Auf meine Frage rief mir die Crew zu: „Yes, there is a harbor behind the bridge.“ Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Seglern ohne große Vorbereitung zu folgen.

Nach einer weiteren kurzen Fahrt erreichte ich die nächste Brücke, und dahinter lag endlich der ersehnte Südhafen. Was für eine Erleichterung! Direkt daneben befindet sich das Hallenbad – und ich musste sofort an unsere Wuppertaler Schwimmoper denken. Wer weiß, vielleicht hat man sich dort tatsächlich inspirieren lassen.

Damit habe ich die Höga Kusten erfolgreich hinter mir gelassen. Diese beeindruckende Küstenlandschaft ist landschaftlich ein echtes Highlight, verlangt einem Segler aber auch einiges ab. Morgen geht es weiter südwärts, an Sundsvall vorbei. Mal sehen, welche Erlebnisse die nächsten Seemeilen für mich bereithalten.