4- Von Mariehamn bis zur “Sommersonnenwende”

Und da schlenderte ich wieder bei schönstem Sonnenschein durch die rechtwinklig angelegten Straßen von Mariehamn. Ich glaube, die Wörter „unfreundlich“ und „hektisch“ sind hier im Wortschatz nicht enthalten, obwohl die Amtssprache Schwedisch ist. Einfach herrlich sind die Häuser und vor allem die Menschen.

Hier hat man vor der russischen Botschaft kurzerhand einen Ukraineplatz geschaffen. Dazu kann ich nur sagen: toll und mutig.

Die Autos halten bereits an, wenn ich mich einem Zebrastreifen nähere. Da kann ich nicht einfach hin und her schlendern. Auch die deutsche Botschaft befindet sich noch an ihrem Platz, was die besondere Stellung der Åland-Inseln verdeutlicht.

Nach einer bewegten Vergangenheit gehören sie zwar zum finnischen Staatsgebiet, aber die Åländer haben ein eigenes Parlament, eine eigene Flagge und sogar eigene Autokennzeichen. Finnland übernimmt die Außenpolitik und die Verteidigung, den Rest entscheiden die Åländerinnen und Åländer selbstständig.

Selbstverständlich musste ich das Seefahrtsmuseum mit der Viermastbark Pommern besuchen. In der Abteilung Navigation war ich sehr beeindruckt, wie die Seeleute früher über die Weltmeere segelten und dennoch wieder nach Hause fanden. Und wir regen uns heute schon auf, wenn das GPS einmal nicht funktioniert.

Ich traute meinen Augen nicht, als ich morgens vom Waschen zurückkam und eine ältere Dame aus dem Hafenbecken schwamm (Wassertemperatur 14 Grad). Anschließend spülte sie sich am Steg mit dem Kaltwasserschlauch ab. Sie gehörte zum schwedischen Nachbarboot, auf dem ihr Mann wenig später noch verschlafen zum Waschhaus schlurfte.

Als ich die Tagesschau streamen wollte, kam sie nicht. Mist, dachte ich, das hängt wohl mit der Fußball-WM zusammen. Bei einem Telefonat mit Petra fragte sie mich, warum ich so früh anrufe. Aha – erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich in eine andere Zeitzone gesegelt war. In Finnland ist es eine Stunde später als bei uns.

Ich legte ab und segelte durch die finnischen Schären nach Degerby. Dabei fiel mir wieder ein, dass in Finnland nur wenige grüne und rote Fahrwassertonnen ausgelegt werden. Hier setzt man überwiegend auf das Kardinaltonnensystem mit seinen vier Himmelsrichtungen. Das setzt voraus, dass man die Tonnen eindeutig bestimmen kann und seinen Kurs kennt.

Hier ist eine Südtonne zu sehen

Sieht man beispielsweise eine Nord-Kardinaltonne (oben schwarz, unten gelb) und verläuft der Kurs von Ost nach West, dann ist es ratsam, die Tonne an der Backbordseite des Bootes liegen zu lassen. Ich hatte mich jedoch schnell wieder daran gewöhnt.

Aber auf dem Weg nach Lappo wurde es richtig spannend. Es gab kaum Tonnen, sodass ich mich zwischen Inseln, Inselchen und Möchtegern-Inseln hindurchschlängeln musste. Manche ragen nicht einmal einen halben Meter aus den Wellen. Ohne meinen Plotter mit aktuellen Karten wäre ich hier völlig aufgeschmissen.

In Lappo gibt es tatsächlich einen Golfplatz. Darüber kann ich nur schmunzeln, denn außer Felsen und ein paar kleinen Bäumen ist hier nicht viel zu sehen. Doch die Åländer sind erfinderisch: Sie spielen Frisbee-Golf. Von kleinen Plattformen aus versuchen die Spieler, ihre Frisbee in einen Korb zu werfen. Bereits mehrere Gruppen ziehen durch den Wald und versuchen ihr Glück.

In der Nacht zogen Sturm und Regen übers Land, daher konnte ich erst mittags nach Jurmo, der letzten Insel im Åland-Archipel, ablegen. Im Hauptfahrwasser nach Norden gab es dann heftigen Wind von achtern und hohe Wellen. Mit gerefftem Großsegel und ohne Vorsegel surfte ich die fast drei Meter hohen Wellen hinunter und hatte 9,4 Knoten auf dem Log. Die APHRODITE muss tatsächlich gesurft sein, denn ihre maximale Rumpfgeschwindigkeit liegt bei 6,5 Knoten.

Ich war froh, nach dem Anlegen einen Spaziergang zum Aussichtspunkt auf der Insel zu machen, um das Erlebte zu verarbeiten.

Frühmorgens weckte mich die Sonne, und los ging es nach Finnland, genauer gesagt nach Uusikaupunki. Die Stadt wird wohl keinen Platz unter meinen Lieblingsorten bekommen. Beim Anlegen halfen mir jedoch zwei Männer, die mich in fließendem Deutsch fragten, was ich hier eigentlich mache.

Am Abend in der Sauna erhielt ich zahlreiche Empfehlungen und Tipps für meine weitere Reise. Dabei ging es nicht nur um Sehenswürdigkeiten, sondern auch um die Geschichte des Landes und prägende Ereignisse der Vergangenheit. Das war äußerst interessant und für die weitere Törnplanung sehr hilfreich.

Die Stadt der Häkelkünstler

Morgens schien die Sonne, obwohl es die ganze Nacht geregnet hatte. Ruckzuck war fast alles wieder trocken, und es ging zunächst bei Flaute Richtung Rauma. Später kam der Wind auf, und es wurde eine schöne Segelpartie.

Die Stadt gehört seit 1991 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Finnen in der Sauna hatten mich allerdings bereits darauf hingewiesen, dass vor der Stadt der Industriehafen nicht gerade zu den schönsten gehört. Ich war also entsprechend eingestimmt.

Zunächst konnte ich alles noch gut aus der Ferne erkennen, doch damit war es schnell vorbei, denn unerwartet zog dichter Nebel auf. Gerade einmal die nächste Tonne des Hauptfahrwassers war noch zu sehen. Deshalb entschied ich mich, die Segel zu bergen und unter Motor weiterzufahren – in der Hoffnung, dass nicht gerade ein Containerschiff ausläuft und mich überrollt. Zum Glück blieb diese Sorge unbegründet. Kurz vor der Einfahrt in den Stadthafen klarte es wieder auf, und der Hafenmeister empfing mich persönlich und half beim Anlegen.

Am Abend war ich von der außergewöhnlich guten Sauna mit Blick auf die Schären so begeistert, dass ich mich sogar zu einem Bad in der Ostsee überreden ließ. 15 Grad Wassertemperatur kann man schließlich nur nach einem kräftigen Saunaaufguss ertragen.

Die Auszeichnung hat durchaus ihre Berechtigung. Man bekommt schon fast platte Füße, obwohl ich noch lange nicht jedes Holzhaus gesehen habe.

Die finnische Sprache ist mir dagegen ein echtes Rätsel. Aus den endlosen Reihen von Buchstaben kann ich beim besten Willen nichts herauslesen. Nicht einmal eine grobe Vermutung, worum es gehen könnte, ist möglich. 

Der Segler in Kalmar hatte recht, als er mir riet, den Bottnischen Meerbusen lieber entlang der schwedischen Küste hinaufzusegeln. Das ist auch günstiger, denn die Lebensmittel kosten hier mindestens doppelt so viel wie in Deutschland. Ich kenne die südliche finnische Küste bis Turku, und sie hat mich verzaubert, aber hier muss man nicht unbedingt gewesen sein. Es ist recht eintönig, und die Industrieanlagen mit ihren Frachtschiffhäfen sind wenig reizvoll.

Die Krönung für mich war die Passage an einem Atomkraftwerk mit drei Reaktoren. Deshalb wurden es lange Etappen, um diese Gegend möglichst schnell hinter mir zu lassen.:

Was mich aber immer wieder fasziniert, sind die Vögel um mich herum. Wenn eine kleine Gruppe Gänse mit ihren Jungen zu einem Ausflug an mein Boot kommt oder ein Schwanenpaar mitten auf der See mir erst im allerletzten Augenblick den Weg freimacht, dann genieße ich diese Momente.

Das Zwitschern der Schwalbe, die oben auf meinem Windex am Mast Ausschau hält, oder eine Kolonie Kormorane, die im Wasser einen solchen Wirbel veranstaltet, dass ich zunächst meine, es sei ein kleiner Felsen, der nicht in der Seekarte verzeichnet ist – all das gehört für mich inzwischen dazu.

Am liebsten habe ich jedoch die kleinen Vögel, deren Namen ich leider nicht kenne. Sie fliegen in Gruppen mit heftigen Flügelschlägen nur knapp über der Wasseroberfläche. Naja, die Möwen mit ihrem Geschrei stören mich morgens allerdings schon ein wenig.

Der Hafen von Reposaari ist nicht besonders schön, aber die Hafenkneipe bietet leckere Fish & Chips an. Nach weiteren zwölf Stunden Tagestrip kam ich in Kristinestad an und wollte eigentlich einen Tag pausieren, aber der Hafen entpuppte sich als Katastrophe. Das Hotel, in dem die Sanitäranlagen und die Sauna untergebracht waren, wurde abgerissen.

Trotzdem hielt mich das nicht davon ab, einen Spaziergang durch die 1649 gegründete Hafenstadt zu machen und doch noch ein paar schöne Eindrücke dieses Tages zu sammeln. Nach einer Katzenwäsche nach Pfadfinderart ging es am frühen Morgen weiter zur Insel Kaskinien.

Aber erst einmal wird hier in Kaskinen die Sommersonnenwende gefeiert, doch die Feierlichkeiten hielten sich sehr in Grenzen. Eine Zwei-Mann-Kapelle spielt finnische Tanzmusik im Vier-Viertel-Takt, und gelegentlich wurde getanzt. Ein halber Liter Bier kostet 18€, und trotzdem sind einige Leute betrunken. Ich gönne mir einen Tag ohne zu Segeln und schlendern bei schönsten Sonnenschein über die Insel. Ist das herrlich hier. Dann kommt auch noch ein junger Segler aus Flensburg an Bord und wir halten einen Klönschnack. Das macht die Reise auch besonders, der Austausch mit Gleichgesinnten.

in diesem Altenheim lässt es sich doch aushalten

Heute beginnt die Midsummersail 2026 – eine Regatta, die in Wismar startet und bis nach Törehamn, der letzten Tonne der Ostsee, führt. Das ist ja auch mein Ziel. Obwohl ich schon drei Viertel der Strecke hinter mir habe, werden sie mich sicher noch überholen. Aber was soll’s – vielleicht treffe ich den einen oder anderen später auf dem Rückweg.