5. von Finnland nach Haparanda

Wolkenloser Himmel, aber ein kräftiger, kalter Wind überzeugten mich, noch einen weiteren Tag im ruhigen Kaskinen zu bleiben. Unter Deck musste einmal richtig sauber gemacht und aufgeräumt werden, damit ich es die nächsten zwei Monate aushalte. Auch die Waschmaschine und der Trockner im Hafen wurden genutzt, um wieder vollständig startbereit zu sein.

Zu Mittag habe ich gekocht und wie fast immer zu viel. Aber da kam Christian von der „Marinus“ zum Klönschnack vorbei. Da er ebenfalls Vegetarier ist, haben wir es tatsächlich geschafft, die Töpfe leer zu machen.

Als ich die Hafengebühr bei der Hafenmeisterin entrichtete, bekam ich dann noch einen Kaffee und ein selbst gemachtes Schokoladeneis serviert.
Ich verbrachte drei Tage hier und habe die schöne Gegend genossen. Endlich war mir das Wetter zum Weitersegeln gesonnen, dachte ich. Aber es kam anders.

Hoch am Wind bei 20 Knoten Wind und über zwei Meter hohen Wellen musste fast jede Welle ausgesteuert werden. Wenn nicht, wurde die Plicht zur Badewanne. Dann haute die APHRODITE dreimal mit dem Kiel auf einen Felsen. Warum, fragte ich mich, und die Antwort war recht einfach: Wenn in der Karte eine Wassertiefe von 2,9 Metern steht und eine zwei Meter hohe Welle darüberrauscht, bleibt im Wellental nicht mehr viel übrig.

Gott sei Dank ist alles heil und dicht geblieben. Nur der Radareflektor verlor seine untere Befestigung und baumelte nun am Mast herum. Das wurde mir zu viel, und ich suchte den nächsten Hafen, den ich anlaufen konnte. Es war Storkorshamn, ein ausgedienter Fischereihafen. Für 20 Euro bekam ich den Türcode für das Hafengebäude per SMS.

Am folgenden Tag hatte sich das Wetter erholt, und von acht Stunden Fahrt verbrachte ich sieben unter Motor. Durch die Fahrwasser zu navigieren, ständig nach Tonnen, Felsen und Steinen Ausschau haltend, war eine einzige Qual. Von der finnischen Westküste bin ich inzwischen so enttäuscht, dass sich dieser Eindruck auch in Vaasa, einem Industriestandort, bestätigte. Ich wollte einfach nur noch weg hier.

Das gelang mir auch am folgenden Tag. Nach nur zehn Stunden hatte ich die 54 Seemeilen nach Umeå in Schweden gesegelt, ach nein, es waren 11 Stunden, da ich ja wieder in eine andere Zeitzohne gesegelt bin. Nach dieser körperlichen Anstrengung musste als Erstes im Vereinshafen von Holmsund ein Saunagang absolviert werden, und ein Killepitsch war auch noch drin.

Ich bin immer sehr berührt, wenn jemand an die Bordwand klopft, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Eigentlich möchte er dabei meist nur seine Neugier befriedigen. Auch hier fragte mich gleich die Hafenmeisterin, woher ich komme und wohin ich mit so einem schmalen Boot unterwegs sei.

Als ich „Haparanda“ sagte, kam sofort die Antwort: „Hier wird es ja nicht dunkel, da kann man die Nacht durchsegeln.“ Klar, aber ich will mich ja auch einmal erholen – das habe ich natürlich nicht gesagt.

Mich begeistern diese spontanen Gespräche immer wieder, so wie gestern, als ich auf der Marinus zu einem Bier eingeladen wurde und daraus ein netter aufschlussreicher Abend wurde.

Die 18 Kilometer entfernte Stadt Umeå musste ich auf jeden Fall besuchen. Also wurde eines der etwas in die Jahre gekommenen, klapprigen Hafenfahrräder ausgeliehen und los ging’s. Die Tour war schon anstrengend, aber zugleich ein gutes Training für die müden Beine.

Die Universitätsstadt Umeå bietet alles, was man zum Leben braucht, und verfügt über eine hübsche Strandpromenade am Fluss Umeälven. Bei schönem Wetter ist hier bestimmt jede Menge los.

In der Kirche probte gerade ein Bläserchor. Das Solospiel des Saxophonisten grenzte dabei schon fast an Jazz und war ein echter Hörgenuss.

Zurück im Hafen musste ich erst einmal die Beine hochlegen, bevor ich mich an die Reparatur des Radarreflektors am Mast machte.

Ein angenehmer, aber langer Segeltag fand sein Ende in einem Segelvereinshafen in Sikeå. Das Vereinshaus konnte geöffnet werden, und dort befand sich alles, was ein Einhandsegler so braucht. Ich war zwar allein im Hafen, traf bei meinem Rundgang aber einen deutschen Radfahrer, der seinen Ruhestand mit einer Tour zum Nordkap beginnen wollte. Also auch so ein „Wahnsinniger“ wie ich – nur kam er aus Wattenscheid.

In der Nacht war es dann mit dem Sonnenschein vorbei, und es regnete. Gegen sechs Uhr hörte es auf. Also dachte ich: raus aus der Koje und weiter nach Bureå.

Die ersten Stunden waren auch ganz angenehm, obwohl es zwischendurch immer wieder regnete. Es war allerdings kalt, und unter dem Ölzeug mussten ein Wollpullover und eine Fleecehose angezogen werden. Dann zog der Himmel immer weiter zu, und ich hörte ein fernes Grollen. Plötzlich schlug ein Blitz in die Ostsee ein, und es begann heftig zu regnen.

Gott sei Dank wurde nichts von der Elektronik in Mitleidenschaft gezogen. Ich dachte nur: Wenn das passiert, ist es fast so schlimm, als würde mich der Blitz direkt treffen. Hat er aber nicht – sonst könnte ich das hier nicht schreiben. Trotzdem habe ich in diesen zwei Stunden wohl mehr Angst gehabt als auf der ganzen Reise zuvor.

Wenn der Po so weh tut, dass man es nur mit Mühe aushält, den ganzen Tag an der Pinne zu sitzen, die Arme schmerzen, weil sie ständig den Kurs korrigieren müssen, und dann auch noch ein Gewitter über einen hinwegzieht, dann wird aus Spaß so langsam Stress.

Dazu kommen die Unsicherheiten: die Wettervorhersagen, das Seekartenmaterial und die ständigen Fragen: Ist das die richtige Tonne? Kann ich dort allein anlegen? Passt das? War der Kurs geschickt gewählt? Hat mich das Frachtschiff gesehen?

Dann muss ich mich manchmal förmlich selbst in den Hintern treten und mir sagen: Komm, das schaffst du. Du wolltest es so. Das hier ist etwas ganz Besonderes – halte durch.

Das habe ich getan und bin schließlich im Vereinshafen von Bureå angekommen, wo im Ort eine Pizza und im Vereinsheim die Sauna auf mich warteten.

Ich wollte einen großen Schlag nach Luleå wagen. Die Sonne weckte mich bereits um 4 Uhr, als sie mir ins Gesicht schien. Also kroch ich aus der Koje und wollte gerade ins Waschhaus gehen, da sah ich den Nebel. Nein – bitte nicht schon wieder! Doch nach der Morgentoilette und dem Frühstück war der Nebel verschwunden, und ich konnte ablegen.

Zunächst gab es nur wenig Wind, was mich motivierte, den Gennaker zu setzen. Dann ging es richtig los: Der Wind nahm immer mehr zu, und ich war froh, den Gennaker rechtzeitig wieder geborgen zu haben. Nach einigen Stunden drehte der Wind weiter achterlich, sodass auch die Fock eingerollt werden musste. Nur mit dem Großsegel lief das Schiff immer noch rund 6 Knoten.

Am Nachmittag war Regen angesagt – und der kam auch, ziemlich kräftig sogar. Doch mein Ölzeug hielt mich trocken. Nach 13 Stunden hatte ich die 67 Seemeilen geschafft – und ich war es ehrlich gesagt auch. Puh!

Im Hafen von Luleå wartete bereits die Crew eines Midsummer-Race-Regattateilnehmers, um mir beim Anlegen zu helfen. Sie rieten mir auch davon ab, die nördlichste Tonne der Ostsee bei Törehamn zu besuchen. Dort sei es brechend voll und nicht besonders schön. Das hatte ich ohnehin schon verworfen und wollte am nächsten Tag weiter nach Haparanda segeln.

Doch wie das so ist: Schon in der Nacht hörte ich den Wind in den Masten heulen und so blieb ich. Da die Stadt selbst mich nicht besonders begeisterte, fuhr ich mit dem Bus zum Weltkulturerbe Gammelstad. Ein beeindruckendes Erlebnis bei schönem Wetter – und endlich einmal 20 Grad Wärme.

Die Gammelstads Kirchstadt wurde erstmals 1339 erwähnt, als dort in einer Holzkapelle der erste Gottesdienst abgehalten wurde. Im 15. Jahrhundert entstand dann die beeindruckende Steinkirche, und es entwickelte sich eine Stadt, die damals noch direkt am Meer lag und vom Fischfang lebte. Heute ist sie 15 Kilometer von der Ostsee entfernt, da sich das Land seit der Eiszeit kontinuierlich hebt. Alle historischen Holzhäuser sind bis heute erhalten geblieben, und am Ortsrand wurde zusätzlich ein Freilichtmuseum errichtet.

Die Spannung war bei mir so groß, dass ich bereits um 4:30 Uhr ablegte und am Frachthafen von Luleå vorbeituckerte. Dies ist der nördlichste Seehafen der Ostsee, daher laufen fast alle Frachtschiffe im Bottnischen Meerbusen diesen Hafen an. Riesige Schlepper und Eisbrecher liegen hier und warten auf ihren Einsatz.

An ein Einschlafen an der Pinne war nicht zu denken, denn die Fahrt glich fast einer Slalomfahrt durch Schären und über Untiefen. Doch die Sonne schien, und ein moderater Wind kam auf. In den letzten drei Stunden nahmen Wind und Wellen jedoch immer weiter zu und forderten mich noch einmal richtig heraus.

Als ich dann den kleinen Hafen von Haparanda sah und mit achterlichem Wind auf die Hafeneinfahrt zusurfte, war alles andere vergessen. Ebenso herausfordernd war das Anlegen bei Windstärke 5 Beaufort, denn es war niemand da, der hätte helfen können.

Trotzdem – es ist geschafft!

Nach gut sechs Wochen und 1.170 Seemeilen (2.170 km) habe ich mein Ziel erreicht: Als Siebzigjähriger bin ich auf der „dritten Reise der APHRODITE“ einhand bis nach Haparanda gesegelt. Trotz mancher schwieriger Erfahrungen und Erlebnisse haben die glücklichen, besonderen und wunderschönen Momente eindeutig überwogen.

Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Und mein Vater hätte wohl gesagt:

„Wat mutt, dat mutt, mien Jung.“