
Mit dem frühmorgendlichen Blick auf die Wetter- und Windvorhersagen konnte ich mir zunächst ganz gelassen noch ein weiteres Schläfchen gönnen, da vor 10 Uhr keine Möglichkeit bestand, von Gotland wegzukommen. Dann sollte der Wind abnehmen und aus Nordost kommen.
Als ich aus der Hafenausfahrt von Visby heraussegelte, bekam ich allerdings heftig etwas auf die Mütze. Hohe – was sage ich – sehr hohe Wellen und Wind mit 6 Beaufort aus Nordwest. Genau aus der Richtung also, in die ich wollte. So segelte ich mit gerefftem Großsegel gegen die Wellen an und merkte dabei deutlich meine 70 Lebensjahre im linken Oberarm. Nach zweieinhalb Stunden flaute der Wind allmählich ab, und ich stellte mir die Frage: Wohin jetzt? Die Wetterpropheten hatten unrecht behalten. Da sagte ich mir, dass ich exakt den Kurs zurück nach Byxelkrok nehme. Na gut – dort bin ich dann am Abend angekommen und brauchte erst einmal einen „Killepitsch“, um runterzukommen.

Die Entscheidung stand fest: Hinüber zum Festland segeln und dann durch die Schären nordwärts tuckern. Denn die schöne Landschaft genießen und gleichzeitig nach Tonnen suchen und dann noch aufkreuzen – das habe ich mich noch nicht getraut.

In Blankaholm holte ich mir bei einer Wanderung im Naturschutzgebiet dann gleich meinen ersten Mückenstich, es war der Lohn für das besondere Naturerlebnis im Schärengarten.

Meine Familie klagte in den letzten Tagen zu Hause über Temperaturen von über 30 Grad. Hier schien zwar auch die Sonne, aber es wehte ein kalter Wind, und die Temperaturen kletterten nicht über 15 Grad. Doch heute in den Schären: Hitze pur.

Ebenso in Västerwik konnte ich bei Sonnenschein in der Außengastronomie herrlich Pasta essen, obwohl ich bei der Liegeplatzsuche sehr erstaunt war, wie sich einiges gegenüber 2019 verändert hat. Bei kaum Wind geht es weiter durch die Småland-Schären. „Heini“ (Außenborder) gab sein Bestes und ich konnte mich darauf konzentrieren, die Fahrwassertonnen zu suchen und im Blick zu halten, aber auch die einzigartige Natur zu erleben. Die hohe Schule wäre bei heftigem Wind ohne Aufzulaufen hier durchzusegeln Aber die Schären sind eine Augenweide und machen süchtig auf mehr.

Da hörte ich vermutlich Stimmen, jedenfalls ein etwas außergewöhnliches Geräusch. Da waren sie wieder die Robben, die mich mit schwarz glänzenden Augen ansahen und vielleicht um Nahrung bettelten. So kam ich in Fyrudden an und war das einzige Schiff im Hafen. Damals sah das hier ganz anders aus.

Eine alte Seglerweisheit besagt: „Wenn zwei oder mehrere Segelboote auf gleichen Kurs segeln, kommt es immer zu einer Regatta!“. So war es auf dem Weg nach Arkösund. Der Wind war so 2-3 Beaufort und durch die Inselchen entstanden Düsen und Kaps, die das Segeln anspruchsvoller machten. Aber durch geschicktes Trimmen und Steuern hat am Ende die APHRODITE „gewonnen“. Wir sind schon ein tolles Team.
Ach, und dann war im Hafen von Arkösund die Seglerin aus Grömitz, die auch nach Haparanda will. Sie ist Ende April in der Lübeckerbucht gestartet und berichtet von zwei Totalausfälle der Navigation wegen GPS-Störungen. Zusätzlich ist sie dann noch bei hohen Wellengang von Navitisch abgerutscht und hat sich eine Rippe gebrochen. Gott sei Dank ist mir das erspart geblieben.

Nyköping empfing mich wieder mit seiner Schönheit und Herzlichkeit. Nur dass diesmal nicht wie damals Petra an Bord kam, ist schon traurig. Der Einkauf bei Lidl, der Rundgang durch die Innenstadt mit ihrer 800-jährigen Stadtgeschichte, die Besichtigung der Burg Nyköpingshus und anschließend ein Saunagang konnten darüber nur ein wenig hinwegtrösten.

Es war schon recht anspruchsvoll, gegen den Wind durch die Schären zu kreuzen. Ständig musste ich ein Auge auf den Plotter haben, nach Tonnen Ausschau halten und die günstigsten Kurse finden, um nach Trosa zu gelangen. Aber die Sonne schien, nur der Wind war recht kalt.
Die Segler, die hier fast immer mit gesetztem Großsegel und Motor durch die Schären tuckern, lächelten mich an, wenn ich an ihnen „vorbeischoss“. Ich meine, in ihren Augen zu lesen: „Die Deutschen sind halt so und können einfach nicht entspannen.“

Manchmal sind die Beschreibungen von Orten im Internet ja übertrieben, aber beim Städtchen Trosa haben sie seine Schönheit eher noch untertrieben.

So schön habe ich es jedenfalls empfunden. Herrlich – hier könnte man Urlaub machen, auch wenn am folgenden Tag wegen des leichten Regens die Außengastronomie ausfiel.

Die Entscheidung, bei kräftigem Wind weiterzusegeln oder lieber einen Ausflug zu machen, fiel zugunsten einer Busfahrt nach Stockholm aus. Nach einer Stunde konnte ich in die U-Bahn zur Gamla Stan umsteigen, und schon schlenderte ich durch die Altstadt zum Schloss. So viele Menschen hatten wohl dieselbe Idee, sagte ich mir. Als ich jedoch in die Innenstadt zu den Einkaufszonen kam, wurde es noch voller. So viele Menschen, die einkaufen oder essen gehen, habe ich hier noch nicht gesehen. An vielen Stellen wird repariert oder neu gebaut. Ich glaube, Stockholm macht sich für den Sommer fit.

Ein bisschen war ich froh, als ich am Hafen von Trosa aus dem Bus stieg und die APHRODITE wieder sah.

Am Morgen wollte ich nach Dalarö segeln, aber mangels Wind brachte mich „Heini“ durch die Schären. Nach zwei Stunden setzte jedoch achterlicher Wind ein. Also den Gennaker raus und los – was für die nächsten sechs Stunden recht anspruchsvoll für mich wurde.
Als ich Dalarö aus der Ferne sah, wollte ich meinen Augen kaum trauen, denn im Hafen standen unzählige Masten. Gleichzeitig frischte der Wind weiter auf, sodass ich bei 25 Knoten Wind die Segel bergen musste, bevor ich in den nicht ganz geschützten Hafen einlief.
Der Hafenmeister winkte mir zu und zeigte auf eine Lücke zwischen zwei 40-Fuß-Yachten. Deren Besatzungen halfen tatkräftig mit, mein Boot trotz des achterlichen Windes sicher festzumachen. Puh, geschafft!

Auf meine Frage, warum so viele Schiffe über Top geflaggt seien, erklärte mir ein Segler, dass am 6. Juni Feiertag in Schweden sei. Vor rund 500 Jahren hatte König Wasa die Befreiung von Dänemark erkämpft. Nun erklärte sich mir auch die gut besuchte Marina sowie die voll besetzten Restaurants in Dalarö.
Morgens wachte ich auf und hörte, wie der Wind immer noch von achtern hereinpfiff. Ich machte mir große Sorgen, wie ich aus der Lücke zwischen den großen Booten herauskommen sollte, ohne sie zu beschädigen. Als ich den Motor startete und meine Rettungsweste anlegte, kam die Frau vom Nachbarboot und hielt meinen Bugkorb fest, während ihr Mann meine Vorleine übernahm und sie an seinem Boot entlang bis zum Heck führte. Sofort stellte sich bei mir Erleichterung ein und die Erkenntnis: Du kannst dich auf die Schweden verlassen.

Zwei Stunden segelte ich durch die Schären, dann gab es sehr unbeständigen Wind und enge Durchfahrten, sodass wieder „Heini“ unterstützen musste. Es war Sonntag, und gefühlt war halb Stockholm mit Motorbooten von nicht unter 250 PS unterwegs. Ich waren den ganzen Tag Schwellwellen aus allen Richtungen ausgesetzt.

Als ich dann im Hafen von Vaxholm ankam, wurde mir erst bewusst, dass der Schwell die ganze Nacht so weitergehen würde, da sich nebenan der Fähranleger befindet. Hier wird auch der gesamte Hafen neu gepflastert und umgestaltet. Die Schweden müssen wohl ebenfalls einen Sonderkredit für die Infrastruktur geschaffen haben wie Deutschland – nur sieht man hier auch, dass das Geld umgesetzt wird.

Am nächsten Morgen hatte ich Zeit, da das Systembolaget (Alkoholladen) erst um 10 Uhr öffnete. Ich wollte mich mit einer Palette Bier eindecken, ehe es nach Finnland geht. So hatte ich es 2019 erlebt, als die Finnen Einkaufswagen voller Getränke in ihre Boote luden.
Dann ging es jedoch sieben Stunden lang durch anstrengendes Schärensegeln bis zum eher schlechten Hafen von Gräddö. Er ist aber ein idealer Absprungpunkt für die Åland-Inseln. Kurz vor dem Ende erlebte ich noch einen gewaltigen Adrenalinschub. In einer engen Passage pendelte eine Autofähre hin und her, die Vorrang hatte. Also stellte ich mich darauf ein.

Auf einmal kam jedoch eine Fähre der Viking Line von den Åland-Inseln auf mich zugebraust. Sie passte wohl gerade durch die Enge, sah aber aus wie ein schwimmendes Hochhaus. Also machte ich schnell eine Wende und verschwand aus dem Fahrwasser. Das war nicht einfach, denn überall ragten kleine Felseninseln aus dem Wasser.
Na, das brauche ich in meinem Alter nicht jeden Tag.
In der Nacht wachte ich von tieftonigen Hupen auf, was sich nach einem Blick aus dem Fenster erklärte: die Nebelhörner der Fähren. Gegen 10 Uhr war der Nebel verschwunden, also ging es weiter zu den Åland-Inseln.

Doch kaum hatte ich die schwedischen Schären verlassen, geriet ich in eine regelrechte Nebelwaschküche. Das war sehr anstrengend, da über Stunden hinweg alle Sinne gefordert waren. Zwar sah ich die anderen Frachter und Fähren auf meinem AIS-Plotter, sie konnten mich jedoch nicht sehen.
Als dann kurz vor der Einfahrt nach Mariehamn der AIS-Alarm ertönte, war ich froh, dieses System zu nutzen. Andernfalls hätte ich das Seezeichen vermutlich gerammt.

Umso größer war die Freude nach acht Stunden die Viermastbark Pommern im Hafen bei Sonnenschein zu sehen.

Nach 631 Seemeilen auf der Loge (1.170 km) hatte ich die Åland-Inseln erreicht – den nördlichsten Punkt meiner bisherigen Segelreisen. Mal sehen, wie es weitergeht.
