
Mein Eindruck ist, dass die Schweden ein besonderes Faible für Oldtimer haben – vor allem für amerikanische Riesenschlitten. Offenbar gibt es dort auch deutlich weniger strenge Vorschriften als bei unserem TÜV.

Als ich über Mellanfjärden nach Hudiksvall kam, fand dort nicht nur ein Hafenkonzert mit Westernmusik statt, sondern auch ein großes Treffen von Oldtimerfreunden. In einem langen Konvoi fuhren die Fahrzeuge über die Hafenstraße, während sich zahlreiche Schaulustige auf ihren Campingstühlen am Straßenrand niederließen und sich bereitwillig die Abgase der V8-Motoren um die Nase wehen ließen. Tiefer als tiefergelegt – das geht doch gar nicht, dachte ich mir beim Anblick mancher Fahrzeuge.

Einige Autos waren mit riesigen Lautsprecherboxen ausgestattet, die den gesamten Hafen lautstark beschallten. Erst gegen Mitternacht ebbte der Lärm ab, als ein Gewitter mit kräftigen Regenschauern aufzog.




Da Sturm und Regen das Weitersegeln verhinderten, nahm ich am nächsten Tag den Zug und fuhr nach Sundsvall, um den Besuch der Stadt nachzuholen, die ich auf dem Weg von Norden ausgelassen hatte.




Die große Stadt Sundsvall wurde nach dem verheerenden Brand von 1888 nahezu vollständig aus Stein wieder aufgebaut – und das ganz im Stil der Gründerzeit. Deshalb gilt sie heute als eine der schönsten Gründerzeitstädte Schwedens.
Da am Folgetag immer noch kein Wegkommen in Sicht war, fuhr ich nach Söderhamn – einfach, um die Stadt auch einmal gesehen zu haben. Am nächsten Tag wollte ich schließlich nicht extra den langen Sund hineinsegeln.




Söderhamn selbst ist ein nettes Städtchen, doch mindestens genauso beeindruckt hat mich die schwedische Eisenbahn. Sie ist pünktlich, sauber und gepflegt – sogar die WCs. Die Sitze sind bequem, und die Krönung: Kaffee, Tee, Wasser und Obst stehen den Fahrgästen kostenlos zur Verfügung.

Da sollte der Vorstand der Deutschen Bahn einmal vorbeischauen. Hier könnte man erleben, wie man Fahrgäste nicht nur gewinnt, sondern sie mit gutem Service begeistert.
Warum die rund zweihundert Kilometer lange Küste den Namen Jungfrukusten trägt, konnte ich nicht herausfinden. Eines weiß ich jedoch: Sie ist wunderschön.
Von dem Morgen an, als ich in Hudiksvall ablegte, bis zum Nachmittag nahmen Wind und Wellen immer weiter zu und wurden schließlich recht unangenehm. Umso beruhigter war ich, als ich die Insel Tallskär mit der Hafenbucht Segelvik ansteuern konnte. Es ist eine traumhaft schöne Insel mit sehr herzlichen Menschen.

Dort war für mich der Zeitpunkt gekommen, eine Entscheidung zu treffen. Heute hätte ich vermutlich keinen rechten Fuß mehr, wenn nicht der Hafenmeister und mein Stegnachbar beherzt die APHRODITE festgehalten hätten. Es war der erste Arbeitstag des Hafenmeisters, und ich habe ihn vor lauter Dankbarkeit spontan umarmt.
Wie konnte es dazu kommen? Ich hatte den Karabinerhaken meiner Achterleine gerade an der Boje eingehakt, als das Boot durch den kräftigen Achterwind plötzlich mit voller Wucht auf die Kaimauer zutrieb. In meiner Unachtsamkeit war ich in eine Schlaufe der Leine getreten. Als sie sich spannte, wurde mein Fuß mit der Leine über Bord gezogen. Gott sei Dank verhinderte der frischgebackene Hafenmeister, dass mein Fuß schwer verletzt oder gar abgerissen wurde – oder ich sogar vollständig über Bord ging.
In diesem Moment sagte ich mir: Du hast in den letzten Wochen so viel Glück gehabt. Gleichzeitig merke ich deutlich, dass ich meine körperlichen Grenzen längst überschritten habe. Ich sollte das Schicksal nicht weiter herausfordern.

Als Dank für die Hilfe beim Anlegen saß ich später mit meinem Stegnachbarn bei einer Dose Bier in der holzbefeuerten Sauna. Ein ausgiebiger Klönschnack gehörte natürlich auch dazu.

In Schweden ist es üblich, mit Swish Geld direkt vom Handy auf eine Handynummer zu überweisen. Da sind wir in Deutschland noch ziemlich hinterwäldlerisch. Also musste ich den Hafenbeauftragten in Norrsundet anrufen und mit meinem sehr bescheidenen Englisch fragen, wie ich die Hafengebühr bezahlen könne. Er sagte nur: „In drei Minuten bin ich da.“ Genau so war es auch. Er steckte die zweihundert Kronen in bar ein und verriet mir den Zahlencode für das Sanitärgebäude.

In der Nacht kamen dann kräftiger Regen und starker Wind auf. Mist, dachte ich, morgen musst du in Gävle sein. Ja, was nun? Also lag ich in der Koje und verglich die Vorhersagen sämtlicher Wetter-Apps, um eine Entscheidung zu treffen. Schließlich war klar: Um zehn Uhr geht es los.

Also rein in die Schlechtwetterkleidung und mit Gottvertrauen hinaus in die Wellen. Es wurde noch einmal eine große Herausforderung – für die APHRODITE und für mich. Vor allem die hohen Wellen und der kräftige Wind verlangten mir körperlich und seglerisch noch einmal alles ab. Hinzu kam, dass das Revier mit seinen Felsen und Untiefen auch navigatorisch höchste Aufmerksamkeit erforderte.
Doch als ich schließlich die Bucht von Gävle erreichte, kam die nächste Schwierigkeit hinzu: die Berufsschifffahrt. Zeitweise kam ich mir vor, als würde ich auf der Elbe vor dem Hamburger Hafen segeln. Mit klopfendem Herzen fragte ich mich ständig: Wohin fährt der Frachter? Welchen Kurs wird er als Nächstes einschlagen? Sieht er mich überhaupt?

Trotz aller Anspannung erreichte ich Gävle schließlich wohlbehalten. Damit hatte ich den Bottnischen Meerbusen vollständig umsegelt.

Gävle ist eine große Stadt mit herrlichen Prachtbauten und liegt zudem verkehrsgünstig, um von hier die Heimreise anzutreten und später mit Auto und Trailer zurückzukehren.
Insgesamt habe ich in zehn Wochen 1.657 Seemeilen (3.070 km) auf der Ostsee zurückgelegt. Damit habe ich – bis auf den russischen Küstenabschnitt um Sankt Petersburg – sämtliche Küsten der Ostsee einhand mit der APHRODITE besegelt.
Die dritte Reise der APHRODITE findet hier ihren Abschluss. Ich durfte wieder unzählige schöne, beeindruckende und unvergessliche Erlebnisse sammeln, die mich mehr als glücklich gemacht haben.
Und das Schönste ist: Ich war tatsächlich in Haparanda!

